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Sonntag, 22. Juli 2018

Hartmut Priess verlässt die Bläck Fööss

Hartmut Priess und ich im Kölner Südstadion.
Sie sind die Mutter aller kölschen Bands, die Stadtchronisten und die Stimme Kölns. 1970 gegründet, sind sie längst eine Institution, lebende Legenden und bis heute nicht aus dem Karneval und dem kölschen Mundartgesang wegzudenken – und dazu, neben BAP, eine meiner beiden Kölner Lieblingsbands. Von wem anders als den Bläck Fööss kann die Rede sein?
 
Die Urbesetzung bestand aus Sänger Tommy Engel, Ernst „Erry“ Josef Stoklosa (Gesang, Gitarre, Percussion), Günther Antonius „Bömmel“ Lückerath (Gesang, Gitarre, Banjo, Mandoline, Violine, Bouzouki), Hartmut Reinhold Priess (Bass, Gitarre, Mandoline), Franz Peter Schütten (Gesang, Gitarre, Percussion) und Dieter „Joko“ Jaenisch (Gesang, Piano, Akkordeon). Der 1998 verstorbene Jaenisch war (mit Unterbrechung) bis 1980 dabei, Engel stieg 1994 aus und wandelt seitdem auf Solopfaden, Schütten zog sich 2017 aufs Altersruheteil zurück.
 
Nun verabschiedet sich also auch Fööss-Urgestein Hartmut Priess. Bis zum Jahresende macht er noch weiter. Das Silvesterkonzert in der KölnArena soll sein Abschiedskonzert werden, dann ist er 76 Jahre alt. Wie für die anderen vor ihm ist auch für Hartmut bereits ein jüngerer Nachfolger gefunden, der in seine Fußstapfen treten wird. Was sein Ausstieg bedeutet, zeigen die öffentlichen Reaktionen. Es raschelt nicht nur in der Kölner Tagespresse, sondern im ganzen rheinischen Blätterwald.
 
Bei Fööss-Konzerten, von denen ich in den vergangenen vierzig Jahren unzählige gesehen habe, stand Hartmut mit seinem Bass meist bescheiden im Hintergrund, ein ruhiger, besonnener und meist wortkarger Mann. Ich weiß nicht, wie oft ich die Band allein am Tanzbrunnen gesehen habe, wo sie jedes Jahr im Sommer auftreten, und den auch Hartmut so gerne mag.
 
Wenn Hartmut Priess dann ab 2019 bei Bläck Fööss-Auftritten nicht mehr auf der Bühne stehen wird, sind von den Gründungsmitgliedern nur noch der Erry und der Bömmel übrig. Bei der Vorstellung überkommt mich eine gehörige Portion Wehmut. Ich hoffe, die beiden machen noch viele Jahre weiter.
 
Dir aber, lieber Hartmut, herzlichen Dank für all die Konzerte und die unzähligen kölschen Momente, die du mir und so vielen anderen geschenkt hast. Mit den Bläck Fööss hast du dich um Köln, die kölsche Musik und die kölsche Mundart verdient gemacht und gehörst zum kollektiven Bewusstsein dieser Stadt. Ich wünsche dir für die Zukunft alles Gute.

Freitag, 15. Juni 2018

BAP auf Familientour

Mindestens einmal im Jahr muss ich BAP live sehen, seit Jahrzehnten schon. Natürlich gibt es Jahre, da das nicht möglich ist, weil Wolfgang Niedecken mit seiner Band eine Pause einlegt. Dafür klappt es dann in anderen Jahren zweimal oder öfter. Derzeit sind die Kölsch-Rocker wieder auf einer bundesweiten Tour, die sie – wie könnte es anders sein – natürlich auch wieder in die KölnArena führte.
 
Die laufende Tour trägt – ganz BAP-untypisch – keinen Namen. Bei mir firmiert sie unter der Bezeichnung Familientour. Denn Wolfgang Niedecken hat zuletzt in New Orleans sein sogenanntes Familienalbum aufgenommen. Darauf, auf den Inhalt und auf seine Familie wird er in den gut drei Stunden Spielzeit immer wieder eingehen. Ich habe das Gefühl, je älter der mittlerweile 67 Jahre zählende BAP-Chef wird, desto enger wird die Verbindung zu seinem Clan. So grüßt er zwei seiner Tanten, die irgendwo in der mit 13.000 Besuchern gefüllten Arena sind, die eine davon 98 Jahre alt. Seinem längst verstorbenen Vater widmet Niedecken mehrere Stücke, seiner Mutter, über die er zudem die eine oder andere Anekdote preisgibt, desgleichen.
 
Los geht es gleich rockig mit Drei Wünsch frei und dem Waschsalon vom zweiten Album. Wer aus einem Fundus von über fast vier Jahrzehnte erschienenen Alben auswählen kann, besitzt eine glänzende Ausgangsposition, um keinen Moment musikalische Langeweile aufkommen zu lassen. Das belegt die Band eindrucksvoll und routiniert. Man merkt schnell, dass BAP hier ein Heimspiel genießt. Das Publikum ist ausgesprochen textsicher, und die Musiker auf der Bühne werden frenetisch gefeiert. „Oh, wie ist das schön“, schallt es vieltausendstimmig durch die Halle. Kein Wunder, denn da vorn steht eine echte kölsche Legende.
 
Ich bekomme viele meiner Lieblingsstücke zu hören, viel von den Salzjebäck- und Usszeschnigge-Alben. Auch das spätere Nix wie bessher darf nicht fehlen. Überraschungen gibt es auch. Den Jebootsdaachpogo, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn überhaupt jemals live erlebt habe, gibt es in einer Cajun-Version. Die dreiköpfige Bläsersektion, bestehend aus Trompeter, Posaunist und Saxophonist, stellt sich als echte Bereicherung heraus. Besonders positiv fällt das auf bei den Intros, die früher zu einigen Songs einfach dazugehörten, beispielsweise bei Diss Nach ess alles drin oder dem legendären Klassiker Jupp. Die Bläser reihen sich mühelos ein in die Riege großartiger Musiker, die Wolfgang Niedecken zur jüngsten Reinkarnation von BAP um sich geschart hat.
 
Zwischendurch kommt der Liedermacher Björn Heuser auf die Bühne, um mit Wolfgang Niedecken zusammen Wie schön dat wöhr anzustimmen. Ein Problem zog sich allerdings durch das gesamte Konzert, der Hall von der Rückseite der Halle, der bei manchen Stücken, besonders aber bei den Ansagen dazwischen auffiel. Ich habe schon oft von den Akustikproblemen in der KölnArena gehört, jetzt sind sie mir zum ersten Mal richtig aufgefallen.
 
Der Klasse des Konzerts tut das indes keinen Abbruch. BAP wird von Mal zu Mal besser, so war es auch diesmal. Gleich drei Zugabenteile mit jeweils mehreren Liedern gab es, dabei ganz zum Schluss endlich mal wieder Verdamp lang her als finaler Höhepunkt. Oder jedenfalls fast ganz zum Schluss. Dass sie danach nach gut drei Stunden nämlich noch Jraaduss spielten, schien die Musiker am Ende selbst überrascht zu haben.

Sonntag, 22. Oktober 2017

Jürgen Zöller und BAP

Als BAP im Sommer 1987 ein Open Air Konzert in St. Wendel spielten, war ich schon einige Jahre BAP-Fan und besuchte bei jeder Tour zumindest ein Konzert, was ich heute immer noch tue. Manche Auftritte der Kölner Rock- und Mundartband führten mich weit aus der Stadt hinaus, sogar zu einem Auftritt in Luxemburg fuhr ich. Die meisten Auftritte in den Achtziger Jahren aber sah ich natürlich in Köln, im Sartory und der legendären Sporthalle. 1987 sah es jedoch mau aus mit einem BAP-Konzert.
 
Da Wolfgang Niedecken ein Soloalbum mit den Complizen eingespielt hatte und mit dieser Truppe unterwegs war, gab es in dem Jahr keine BAP-Tour – dafür jedoch im Saarland den Open Air Auftritt am 19. September im Bosenbach Stadion. Ich weiß heute nicht mehr, wie ich nach St. Wendel gelangte, jedenfalls ließ ich mir das Konzert nicht entgehen.
 
Nach Heinz Rudolf Kunze (den ich damals mochte und immer noch mag), Konstantin Wecker (den ich zu der Zeit sporadisch hörte) und Udo Lindenberg (den ich Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger sehr viel hörte, heute gar nicht mehr, und wenn dann die alten Sachen) betraten BAP die Bühne als Headliner. Das Open Air war auch eine Art Warm Up für ihre bevorstehende China-Tour. Auf der Bühne saß ein neues Bandmitglied. Jürgen Zöller war als Schlagzeuger für den kurz zuvor verstorbenen Trommler Pete King eingestiegen. Dass er diese Position fast 30 Jahre lang innehaben sollte, hat er damals sicher nicht gedacht.
 
Inzwischen, Jürgen Zöller ist heute 70, ist er bei BAP wieder ausgestiegen. Auf dem aktuellen BAP-Album „Lebenslänglich“, zum vierzigjährigen Bandbestehen und mit Sönke Reich am Schlagzeug, widmet Wolfgang Niedecken seinem langjährigen Weggefährten mit Schrääsch hinger mir ein eigenes Stück, in dem er in Stichworten ihre gemeinsame Zeit und seinen Dank an Jürgen Zöller zum Ausdruck bringt, schön, melancholisch, zu Herz gehend.
 
Damals in St. Wendel habe ich Jürgen Zöller bei seinem allerersten Konzert mit BAP gesehen, viele Jahre immer wieder und schließlich bei seiner finalen Tour in der Beethovenhalle in Bonn. Jürgen Zöller bleibt der Musikszene mit seiner eigenen Band erhalten, und die Eintrittskarte vom Open Air Konzert irgendwo im Saarland befindet sich selbstverständlich heute noch in meiner Sammlung.
 
Hier noch die Setlist vom Konzert in St. Wendel:

Donnerstag, 21. September 2017

Kölner Urgestein Helmut Freisinger verstorben

Vorhin teilte mir ein gemeinsamer Bekannter mit, dass der Kölner Tausendsassa Helmut Freisinger gestorben ist. Ich musste erst einmal schlucken und dann nachfragen, denn diese schlechte Nachricht überraschte mich doch sehr. Ich kannte Helmut schon so lange, dass ich mich nicht daran erinnern kann, wann und wo wir uns kennengelernt haben. Natürlich stand es in Zusammenhang mit der Kölner SF-Szene. Gut möglich, dass unsere ersten Begegnungen beim Kölner SF-Stammtisch stattfanden. Es ist sogar sehr wahrscheinlich. Er war Perry Rhodan-Leser, SF-Fan und Sammler.

Und natürlich begeisterter Congänger. Für mich ist Helmut nicht nur ein Coloniacon-Urgestein, er besuchte in den letzten Dekaden auch alle möglichen Cons in ganz Deutschland. Ich weiß nicht, wie oft wir auf solchen Veranstaltungen oder auch auf der Intercomic das eine oder andere Bier zusammen tranken. Es waren nicht wenige. An eine Begebenheit, die zehn oder mehr Jahre zurückliegt, muss ich immer wieder zurückdenken. Sie dürfte sich beim Garching-Con zugetragen haben oder beim Austria-Con in Wien.

Zu unserem Hotel gehörte ein Kelleretablissement, eine Mischung aus Kneipe und Disco, wo wir nachts mit weiteren Con-Besuchern einkehrten. Der Laden war leidlich gut besucht, und wie üblich sprachen wir dem Bier ebenfalls leidlich gut zu. Es lief schreckliche Musik der Art aus den aktuellen Charts. Das überwiegend jüngere Publikum stand um die Tanzfläche herum, getanzt hat niemand. Nach einer Weile konnte Helmut als alter Rockmusikfan das Gedudel nicht mehr ertragen. In seiner unbekümmerten, offenherzigen Art fragte er den DJ, ob dieser nicht etwas anderes spielen könne. Nach einem kurzen Gespräch liefen plötzlich die Rolling Stones und danach nur noch Rockmusik. Plötzlich stand Helmut ganz allein mitten auf der Tanzfläche, umgeben von jungen Leuten, die den alten Mann verwundert beäugten. Helmut wäre nicht Helmut, hätte er sich davon abschrecken lassen. Im Gegenteil, in charmanter Weise animierte er das junge Publikum, das sich wenig später geschlossen auf der Tanzfläche austobte.


Helmut und ich auf dem Perry Rhodan Weltcon 2011
Beinahe wäre Helmut selbst zum Berufsmusiker geworden. Die legendäre und bis heute aktive Kölner Mundartband Bläck Fööss ging 1970 aus mehreren schon in den Sechziger Jahren aktiven Bands hervor. Eine davon waren die Beat Stones, in der nicht nur der heute immer noch bei den Fööss aktive Erry Stoklosa spielte, sondern eben auch Helmut Freisinger. Unter dem Künstlernamen Misery spielte er die Sologitarre. Helmut erzählte mir einmal scherzhaft, die anderen hätten sich dazu entschieden, Musiker zu werden, er selbst sei hingegen Perry Rhodan-Leser geworden. Tatsächlich stieg er jedoch bei den Beat Stones aus, um sich auf den vor ihm liegenden bürgerlichen Beruf zu konzentrieren.

Helmut gehörte zur Nachkriegsgeneration, er wurde in den späten Vierziger Jahren geboren. Wann genau, ist mir nicht bekannt. Seiner Leidenschaft, Cons, den Stammtisch und die Intercomic zu besuchen, frönte er schließlich auch als Rentner noch. Seit einer Weile machte er sich allerdings rar. Ein paar Molesten machten ihm zu schaffen, vor allem aber konnte er seine schwerkranke Frau, die ständiger Pflege bedurfte, nicht mehr allein lassen.

Nach Winfried Brand ist mit Helmut Freisinger der zweite ehemaliger Stammtischler von uns gegangen. Ich hoffe, die beiden können irgendwo zusammen ein Bier trinken. Mir sin uns widder, leeve Jung.


Helmut "Misery" Freisinger (4. von links.), Graham Bonney und die Bläck Fööss.

 

Sonntag, 12. Februar 2017

Kölsche Mundart mit dem Drei Mann Quartett

Kölsch wie auch andere regionale Mundarten wird immer weniger gesprochen, heißt es – und immer weniger gesprochen werden. Es sei abzusehen, dass die Dialekte aussterben. Bin ich in Köln in den Veedeln unterwegs, in der Straßenbahn oder selbst in kölschen Kneipen, fällt mir auf, dass die Behauptung stimmt. Oder zumindest bilde ich mir das ein. Kölsch sprechen überwiegend noch die alten Kölner.
 
Anders ist das im Karneval, wo die kölsche Sprache aus dem Liedgut nicht wegzudenken ist. Zu den Gruppen, die dort seit Jahrzehnten auftreten (Bläck Fööss, Höhner, Paveier, Räuber), gesellten und gesellen sich alljährlich neue Bands (wie beispielsweise die Klüngelköpp, Kasalla, Cat Balou, Die Domstürmer). Leider bekommt man sowohl von den Alteingesessenen als auch den Neuen in ihren Liedern kaum einmal mehr richtig schöne Geschichten erzählt, so wie es vor allem die Bläck Fööss in den Siebziger Jahren machten. Natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel, aber überwiegend muss für jede Session eine neue Hymne her, die auch der letzte Depp noch mit drei Promille mitgrölen kann.
 
Glücklicherweise gibt es – abseits der großen Bühnen und zumeist unbeachtet seitens eines feierwütigen Publikums – Musiker, die sich der kölschen Mundart und den alten Texten verschrieben haben. Sie pflegen sie bei ihren Auftritten mit Begeisterung und erhalten sie am Leben. Zunächst fiel mir das vor ein paar Jahren bei der Familich auf, auch bei Philipp Oebel und vor geraumer Zeit bei Peter Schmitz-Hellwing. Und jetzt lernte ich eine Band kennen, von der ich bis dato noch nie etwas gehört hatte. Noch dazu geschah das, nachdem mir ein Flyer in die Hand gefallen war, nicht in Köln, sondern in der mittelalterlichen Burg Mauel im Windecker Ländchen.
 
Um ein Trio handelt es sich, das den im ersten Moment merkwürdig anmutenden Namen Drei Mann Quartett trägt. Verständlich wird er, wenn man erfährt, dass das Publikum als der vierte Mann (oder die vierte Frau) gilt. Dass das dreiköpfige Quartett bislang an mir vorbeiging, wundert mich, spielen die Jungs doch bereits seit einigen Jahren zusammen. Freddie Böhmer und Martin Hark spielen akustische Gitarre, Reinhold Schreiber zupft den E-Bass, jedoch kommen im Laufe des Konzerts auch weitere Instrumente wie beispielsweise die durch Hans Süper bekannt gewordene Flitsch zum Einsatz. Das Bild oben habe ich von Facebook entliehen, dort ist das Drei Mann Quartett präsent.
 
Der Gewölbesaal der Burg Mauel bot einen schönen Rahmen für den Auftritt. Wie lang mag er gewesen sein (der Auftritt, nicht der Gewölbesaal)? Zwei Stunden bestimmt, ich habe nicht auf die Uhr geschaut. Wozu auch, denn die Zeit verging wie im Flug. Die Musiker konzentrierten sich auf Klassiker der kölschen Mundart wie Willi Ostermanns (1876 – 1936) Die Mösch und Kutt erop! oder Karl Berbuers (1900 – 1977) Heidewitzka, Herr Kapitän sowie das von Hans Knipp (1944 – 2011) komponierte und von Horst Muys (1925 – 1970) bekannt gemachte Ne Besuch em Zoo. Alles wohlklingende Namen von Komponisten, Textdichtern und Krätzchensängern. Diese klassischen Mundartlieder ließen sich damals durchaus dem Karneval zurechnen, gehen für mich aber viel weiter. Häufig liefern sie Alltagsbeobachtungen in musikalisch aufbereiteter Form, worin besonders Willi Ostermann ein Meister war. Ich bin ne kölsche Jung von Fritz Weber (1909 – 1984) kam ebenso zu Ehren wie De Pänz sin us dem Hus und weitere Stücke der Bläck Fööss, kein Wunder, gelten zahlreiche Leeder der Mutter aller kölschen Bands selbst längst als Klassiker. Noch viel mehr gab es, und manches kannte ich gar nicht.
 
Freddie Böhmer, Martin Hark und Reinhold Schreiber singen alle. Jeder der drei hat offenbar seine persönlichen Lieblingsstücke, und mit entsprechender Hingabe werden sie vorgetragen. Man merkt den Musikern ihre Freude beim Vortrag an, was noch unterstrichen wird durch die launigen Ansagen und die kleinen Verzällcher zwischen den einzelnen Stücken. Dank Musikern wie dem Drei Mann Quartett leben solche musikalischen Perlen in kölscher Mundart weiter, was aller Ehren wert ist und nicht genug anerkannt werden kann. Es war ein herrliches Konzert, und das dreiköpfige Quartett wird mich wiedersehen. So kündigten die Musiker bereits an, im kommenden August, und dann unter freiem Himmel, erneut in der Burg Mauel aufzutreten. Dann fahre ich wieder hin. Also, heißer Tip für alle Freunde von Krätzchen und kölschen Mundart-Evergreens: das Drei Mann Quartett!

Mittwoch, 10. August 2016

Ne kölsche Jung hürt op

Er heißt Hans-Dieter, alle nennen ihn H.D., und er selbst stellt sich in seinem Brauhaus immer als der kölsche Jung vor. Oder besser: er stellte sich so vor – denn damit ist es nach mehr als einer Dekade nun vorbei.

Vor über elf Jahren hängte H.D., damals sechzigjährig, seinen bürgerlichen Beruf an den Nagel. Finanziell konnte er sich nicht beklagen, deshalb brauchte er nicht weiterzumachen. Stattdessen tat er das, wovon er sein Leben lang geträumt hatte. Einmal ein eigenes Brauhaus führen, und zwar so, wie es ihm vorschwebte, urkölsch, gemütlich, mit traditioneller Atmosphäre, leckerer Küche, kölscher Musik und natürlich kaltem Kölsch. Ein Jahr wollte er es auf jeden Fall machen, maximal fünf - es wurden mehr.

Das Haus Schulz am Barbarossaplatz erwies sich dabei als Glücksgriff. Es ist alteingesessen, liegt mitten im Veedel und mitten im Leben. Zudem war es brauereifrei, H.D. konnte also ausschenken, was er wollte. Das machte er sich zunutze, indem er – was es in Köln nur extrem selten gibt – gleich zwei Kölschsorten anbot, nämlich das lieblichere Reissdorf und das herbere Gaffel. Diese Politik wurde gut angenommen. Betrat man die Schänke, sah man auf Theke und Tischen immer Kölschstangen sowohl mit rotem (Reissdorf) als auch mit blauem (Gaffel) Emblem stehen.

Ich ging gern hin und wieder dorthin, denn die Atmosphäre war schön, die Leute angenehm, und H.D. grundsätzlich gut aufgelegt und einem Schwätzchen an der Theke nie abgeneigt. Oft genug kam es vor, dass man, bevor man das erste Kölsch bestellte, schon ein Mini vor sich stehen hatte. „Ein Stößchen aufs Haus zur Geschmackskontrolle“, pflegte H.D. dann zu sagen.
Fast immer lief kölsche Musik, und wenn die Stimmung ausgelassen war, setzte H.D. sich sein Hütchen auf, nahm seine Quetsch von der Ablage und ging musizierend und singend im Laden auf und ab. Die Gäste waren begeistert. Und schnell wurde mitgesungen. Zu seinen Stammgästen gehörten musikalische Legenden wie Ludwig Sebus und Hans Süper.
Nun, im Alter von 71 und nach über elf Jahren in seinem Laden, in dem er sich seinen Lebenstraum verwirklicht hat, hat sich der H.D. endlich aufs Altersruheteil zurückgezogen. Es war eine schöne Zeit mit ihm im Veedel, und seine Gäste werden ihn vermissen. Mach et jot, leeven Hans-Dieter, und genieße dein Leben. Du hast dir deinen Ruhestand wohlverdient.

Samstag, 4. Juni 2016

Brings spielen im Stadion

Überall in der Stadt sah ich vorhin Leute mit Schals, Tüchern oder Hütchen, welche mit Karomustern versehen waren. Diese Karos sind irgendwann, irgendwie zum Markenzeichen der Kölner Band Brings geworden. Daraus hat sich anscheinend ein eigenes Merchandising entwickelt. Bei dem Anblick der Menschenmengen, die auf dem Weg Richtung Müngersdorfer waren, dachte ich daran, dass Brings anlässlich ihres fünfundzwanzigjährigen Bestehens heute Abend im Stadion spielen - vor 40.000 Zuschauern, wie ich mitbekam.

Brings hörte ich Anfang der Achtziger Jahre, und ich besuchte zahlreiche ihrer Konzerte in kleinen Locations. Einmal sah ich sie in einem Club, das war noch vor Erscheinen ihres großartigen Debütalbums Zwei Zoote Minsche. Damals wie heute machte die fünfköpfige Truppe kölsche Musik, doch in ihren Anfängen waren sie eine richtig gute Rockband, die vom damaligen BAP-Gitarristen Klaus "Major" Heuser produziert wurde.

Mit Superjeile Zick, das abging wie eine Rakete, kam es zum Knackpunkt. Brings wurden vom Karneval assimiliert und haben seitdem dort richtig viel Erfolg, natürlich auch finanziellen. Das machte sich in den Folgejahren deutlich bemerkbar. Die Musiker gingen immer weiter weg von guter alter Rockmusik und wurden zur Karnevalstruppe mit zuweilen bedenklichen Einschlägen in die Unterhaltungsmusik.

So höre ich Brings seit Jahren nicht mehr, geschweige denn besuche ich noch ihre Konzerte. Letzteres wohl schon seit fast zwanzig Jahren nicht mehr. Dennoch freut es mich, dass eine Kölner Band, die immerhin bis heute beim Kölsch geblieben ist - auch wenn es irgendwann in den Achtziger auf einem Album mal einen Ausflug ins Hochdeutsche gab - und vor nicht allzu langer Zeit mit Kölsche Jung einen veritablen Gassenhauer hinlegte, nach einem Vierteljahrhundert immer noch besteht. Das sei ihnen gegönnt, und ich wünsche ihnen, dass sie noch viele Jahre dranhängen.

Montag, 25. April 2016

Peter Schmitz-Hellwing hat Heimweh noh Kölle

Schon vorletzte Woche begab sich Peter Schmitz-Hellwing mit seiner Band im Hennefer Wirtshaus auf eine musikalische Zeitreise, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Dass ich erst jetzt dazu komme, etwas über das sehr schöne Konzert zu schreiben, tut dem Vergnügen an jenem Abend keinen Abbruch. Das gemütliche Wirtshaus kam mir bekannt vor, und dann erinnerte ich mich. Dort war ich vor Jahren schon einmal gewesen, als Fortuna Köln noch in einer Liga mit Hennef spielte. Nach dem Auswärtsspiel sind wir damals mit der ganzen Fortuna-Bande dort eingekehrt.

Dieser Abend nun stand zwar ebenfalls im Zeichen kölscher Tradition, hatte aber nichts mit Fußball zu tun, sondern mit einem, wenn nicht dem bekanntesten Kölner Krätzchensänger. Gemeint ist natürlich der 1876 geborene Komponist und Liederdichter Willi Ostermann, der der Nachwelt eine Vielzahl von Krätzchen hinterlassen hat. Für Nichtkölner: Krätzchen sind in kölscher Mundart gesungene Heimat- und Karnevalslieder, mal humorig, mal bissig, mal nachdenklich, bemerkenswerten Gegebenheiten verpflichtet, Alltagsbeobachtungen und den Menschen in den Veedeln.

Peter Schmitz-Hellwings Band setzt sich zusammen aus dem (klassischen) Bassisten Gerd Brenner, dem Keyboarder Andreas Orwat und dem Schlagzeuger Udo Kempen. Der kleine Saal war mit rund fünfzig Leuten ausverkauft, und ich dürfte so ziemlich der jüngste im Publikum gewesen sein. Dieses war, zumindest bei den Refrains, recht textsicher, und es entwickelte sich von Beginn an eine Art „Loss mer singe“-Konzert mit dem Augenmerk auf Willi Ostermann.

Es ging los mit Däm Schmitz sing Frau ess durchgebrannt (aus dem Jahrt 1907) und Am dude Jüd (1906). Ich stellte schnell fest, dass ich die meisten der alten Lieder kenne, fast alle sogar. Später folgten unter anderem De Wienanz han 'nen Has em Pott sowie Kutt erop! Kutt erop! Kutt erop! und Jetz hät dat Schmitze Billa, allesamt um die hundert Jahre alte Klassiker, die in Köln längst als Evergreen-Charakter haben. Für mich sind es Lieder mit Herz und Seele, für Herz und Gemüt, und weit entfernt von dem leider heute im Karneval weit verbreiteten Gegröhle, das weder mit Mundart noch kölscher Tradition zu tun hat.

Zwischendurch streute Peter Schmitz-Hellwing immer wieder Hintergrundinformationen und Anekdötchen über Willi Ostermann ein, über alte Kölsche Musik und Namen der Zwanziger und Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und über Hintergründe der Entstehung der einzelnen Lieder. So erfuhr ich, dass Willi Ostermann keine Noten lesen konnte und doch als so etwas wie der Erfinder der Kölner Karnevalsmusik gilt. Denn er war der erste, der nicht auf überlieferte Klänge zurückgriff, sondern neben seinen Texten auch eigene Melodien komponierte. Auch thematisierte Peter Schmitz-Hellwing im Kontext der Musik historische Gegebenheiten wie die Einflussnahme der NSDAP auf den Rosenmontag(szug) in den späten Dreißiger Jahren und den Wiederaufbau des Gürzenichs, der guten Kölner Stube, in den Fünfzigern.

Auf der Zielgeraden und als Höhepunkt ging es dann Schlag auf Schlag, und nicht allein nur von Willi Ostermann. Bei seinem Och wat wor dat fröher schön doch en Colonia wurde mir warm ums Herz, bei Karl Berbuers Trizonesien-Song, gleich nach Ende des zweiten Weltkriegs eine Ersatzbundeshymne, erwischte ich mich beim Mitklatschen, und bei Ludwig Sebus' großartigem Luur ens vun Düx noh Kölle geriet ich ins Schwelgen.

Unter großem Applaus gab es dann natürlich Heimweh noh Kölle, auch bekannt als Ich möch zo Foß noh Kölle jon. Dieses Lied, bis heute die inoffizielle Kölner Stadthymne, schrieb Willi Ostermann 1936 im Krankenhaus auf dem Sterbebett, und allein damit hat er sich in Köln unsterblich gemacht. Nach einem „Dreimol Kölle Alaaf!“ folgte als Zugabe Drink doch eine met von den Bläck Fööss, ebenfalls längst ein Klassiker.

Es ist wunderbar, und ich finde es wichtig, dass die alten Stücke nicht vergessen sind. Mehr noch, dass es heute Künstler gibt, die sie noch und wieder spielen, denn diese kleinen Schätze dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Peter Schmitz-Hellwing und Band habe ich jedenfalls nicht zum letzten Mal gesehen.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Jürgen Zeltinger im Südstadion

Er ist der selbsternannte »Asi mit Niwoh«, auch »De Plaat« gerufen. Es ist mir immer schwer gefallen, ihn musikalisch zu verorten mit seiner Mischung aus Hardrock, Punk und ein bisschen Kitsch, zuweilen auch Asi-Rock betitelt. Seit mehr als dreieinhalb Dekaden ist Jürgen Zeltinger in der Kölner Musikszene aktiv, ein echtes Urgestein also. Gestern Abend gastierte der Liebling einer eingeschworenen Fangemeinde im Vereinsheim des Südstadions, unplugged und ohne seine Band. Ihm zur Seite stand allein Dennis Kleimann an der akustischen Gitarre und zur gesanglichen Unterstützung. Der Konzerttitel »Avjespeck« bezog sich dann auch viel mehr auf die fehlenden Stromgitarren als auf Zeltingers leiblichen Umfang.

Sein bissiger Panzerfahrer erinnert mich noch heute an meine Zeit bei der Bundeswehr. Das schön dreckige (Mir sin alles) Kölsche Junge wird vom überwiegend männlichen Publikum lautstark und vielstimmig begleitet. Mehr noch gilt das für seinen Gassenhauer Asi mit Niwoh, und wie auf Knopfdruck mutiert das gesamte Auditorium zu Asis mit Niveau, die Kritikern die Fressen polieren und das Abendessen für die Band machen. Das ist einfach nur herrlich. Der Spaß ist groß und das Gelächter kaum weniger. Ich bin unvermittelbar lässt Zeltinger uns wissen, und andere alte Sachen folgen. Dass die Zeltinger-Band fehlt, fällt kaum auf, auch weil der junge (ebenfalls zur Band gehörende) Dennis Kleimann ein echtes As an der akustischen Klampfe ist.

Doch Zeltinger spielt nicht nur eigene »Stückchen«, wie er selbst seine Songs nennt, sondern auch einige seiner Lieblingslieder von anderen kölschen Bands. So hört das geneigte Publikum, das seinen Zeltinger immer wieder mit lautstarken »Jürgen! Jürgen!«-Sprechchören feiert, BAP, die Höhner und die Bläck Fööss. Besonders Die drei von der Linie 2 von den Fööss, irgendwann aus den Siebziger Jahren stammend, wird begeistert mitgegrölt. Aber auch Paar Daach fröher aus der Feder von Wolfgang Niedecken und Hey, Kölle kommen gut an.

Doch natürlich sind die Leute gekommen, um Zeltingers eigene Stücke zu hören, was er sichtlich genießt. Er interagiert sehr viel mit dem Publikum, erzählt Anekdötchen und schwaad eben so, wie ihm die kölsche Asi-Schnüss gewachsen ist. Zwischendurch kippt er immer mal wieder ein kleines Fläschchen, von dem ich annehme, dass es Wodka enthält.

Auf der Zielgerade jagen Zeltinger und das Publikum dann noch mal richtig los. Denn als Höhepunkt gibt es wie immer das von 1979 und seinem ersten Album stammende Kombistück Mein Vater war ein Wandersmann und Müngersdorfer Stadion. Obendrauf kommt – frei nach Lou Reed – schließlich der Stüverhoff, die Geschichte vom schwulen Stricher, der beklagt, dass mitten in der Nacht noch immer kein Freier aufgetaucht ist. Schwul war der Jürgen schon immer, und daraus hat er nie ein Hehl gemacht.

Der gestrige Auftritt war klasse und besaß einen enormen Spaßfaktor, woran wiederum das Publikum keinen Zweifel ließ. Ich muss Zeltinger unbedingt mal wieder mit Band abrocken sehen. War schön, Jürgen.

Montag, 31. August 2015

Bläck Fööss seit 40 Jahren am Tanzbrunnen

(c) des Fotos by Frank "Veeni" Veenstra
Ob das irgendeine andere Band an irgendeinem Ort der Welt geschafft hat? Vierzig Jahre lang jedes Jahr mindestens ein, zuweilen sogar zwei oder drei Mal am selben Veranstaltungsort aufzutreten? Die Kölner Mundartgruppe Bläck Fööss hat dieses Kunststück jedenfalls fertig gebracht. 1970 wurden die Fööss gegründet, 1975, also in dem Jahr, in dem Boss Bruce Springsteen sein Jahrhundertalbum Born to Run veröffentlichte, stand die Mutter aller kölschen Bands erstmals auf der Open Air-Bühne des Tanzbrunnens.

Am Samstagabend war es wieder soweit. Vor proppenvollem ausverkauftem Haus und bei strahlendem Sonnenschein legten die sieben Musiker pünktlich um 19 Uhr los. Die Stimmung beim Publikum war sofort da, bei allen "von 8 bis 80", wie Erry Stoklosa feststellte. Fööss-Konzerte sind eine echte Familienangelegenheit, zu der sogar Besucher aus Belgien, den Niederlanden und Skandinavien anreisen. Die Fööss waren bestens aufgelegt, und die Hits kamen Schlag auf Schlag. In 45 Jahren Bandbestehen sammelt sich natürlich ein enormer Fundus an Liedern an

Zu jedem Konzert am Tanzbrunnen lässt die Kölner Kultband sich etwas besonderes einfallen. In diesem Jahr gaben die Musiker ein Elvis Presley-Medley zum besten. Gewandet in typisches Elvis-Bühnenoutfit schmetterten sie ein paar bekannte Stücke des King, um dann ihr Elvis lääv folgen zu lassen. Überhaupt verweisen sie immer wieder auf die Idole ihrer eigenen Jugend

Doch es wurde nicht nur gefeiert und mitgesungen, sondern zwischendurch immer wieder besinnliche, nachdenkliche Töne angeschlagen. Zum Beispiel mit Usjebomb, einem ruhigen Stück über das ausgebombte Köln. An das Kriegsende vor siebzig Jahren erinnerte auch der von Karl Berbuer stammende Gassenhauer Trizonesiensong, unschwer zu erkennen auf die drei Besatzungszonen gemünzt und gleich nach dem Krieg so etwas wie die inoffizielle Ersatzhymne. Bömmel Lückerath nutzte die Gelegenheit, um vor immer offener zu Tage tretenden rechten Tendenzen zu warnen. Harsche Kritik musste auch der Rat der Stadt Köln für so manch verfehlte Politik in den vergangenen Jahren einstecken.

Meine Lieblingslieder der Bläck Fööss stammen vorwiegend aus den Siebziger oder frühen Achtziger Jahren, und da die Band sich durch alle Schaffensperioden spielte, kamen auch sie zum Zug. Kölsche Bröck, erzählt aus der Perspektive einer Kölner Rheinbrücke, Ming eetste Fründin, die natürlich das Meiers Kätchen war, und vor allem das Heimwehstück Ich han nen Deckel.

Klar, dass mir nicht alle Stücke der Bläck Fööss gefallen. Das schafft ja nicht mal BAP, und selbst beim Boss gibt es Songs, die ich nicht mag. Bei den Fööss sind das beispielsweise die vom Publikum stets abgefeierten Kathrin und Bye bye, my Love. Die Leute fahren drauf ab, ich sehe darin nur Schlagerdriss. Aber ein paar wenige Ausfälle bei all den wunderbaren Liedern verzeihe ich den in Ehren ergrauten Herren gern, die die Kölsche Mundart in die Musik und die Musik in die Kölsche Sprooch gebracht haben.

Unsere Stammbaum jagte sich mit Wenn et Leech usjing em Roxy, Surfen am Fühlinger See mit dem Bickendorfer Büdche. Das Publikum der Bläck Fööss ist ausgesprochen textsicher, und zuweilen lassen die Musiker, die in jeder musikalischen Richtung zu Hause sind, ihm den Vortritt. Bei Uptempo-Stücken und Rock'n'Roll ebenso wie bei Balladen und griechischen Melodien. Beim Sirtaki ließ sich das Publikum nicht lange bitten. Da der Tanzbrunnen rechtsrheinisch liegt, durfte Schäl Sick natürlich nicht fehlen, und das Rheinhotel erfreut sich ohnehin immer wieder großer Beliebtheit.

Drink doch eine met und In unserem Veedel habe ich bestimmt tausendmal gehört, habe aber bei beiden Stück immer noch einen Kloß im Hals. Kaum anders geht es mir bei Mer han e Hätz för Kölle, eins ihrer schönsten Stücke, ihrer zu Herzen gehendsten Lieder, bei dem so mancher Lokalpatriot gerne mal ein Tränchen verdrückt.

Manches Stück fehlte, manches andere kam überraschend. Nach dem Veedel war Schluss, um Punkt 22 Uhr und nach einem wundervollen dreistündigen Programm. Länger als bis zehn ist am Tanzbrunnen nicht erlaubt, auch nicht am Wochenende, sonst gibt es Ärger. Man merkte den Musikern an, dass sie liebend gern noch weitergespielt hätten. Durften sie aber nicht. Schade. Dafür haben sie angekündigt, 2016 auch im 41. Jahr am selben Ort auf der Bühne zu stehen. Ich bitte darum.

Samstag, 27. September 2014

Kölsches Gipfeltreffen am Tanzbrunnen

Als gegen 21.30 Uhr begeisterter Applaus über das Tanzbrunnengelände fegte, wußte man, daß die Bläck Fööss ihren Gassenhauer En unserem Veedel angestimmt hatten. Seit über 40 Jahren bringt wohl kein anderes Lied die kölsche Seele und kölnische Befindlichkeiten so treffend auf den Punkt wie der Klassiker der Fööss. Es war das Ende und der Höhepunkt eines Tages voller Musik, bei dem vor den Fööss schon die Klüngelköpp, Cat Ballou, Kasalla und die Paveier aufgetreten waren.

Der Telefon- und Internetanbieter NetCologne wurde 20 und feierte am Tanzbrunnen seinen runden Geburtstag. Ich feierte mit. Stimmt nicht, ich feierte nicht, denn das ganze Rahmenprogramm interessierte mich nicht die Bohne. Mir ging es um die musikalische Schiene. Gleich fünf Kölner Mundartgruppen traten auf, und das für nicht einmal zehn Euro Eintritt. Dafür muß man NetCologne natürlich loben, zumal jede Band gut eine Stunde spielte.

Den Reigen eröffneten vor vollem Haus mit rund 10.000 Besuchern die Klüngelköpp. Die Band, lange völlig an mir vorbeigegangen, gibt es nun auch schon seit gut zehn Jahren. Im Karneval hat sie inzwischen zu den Großen aufgeschlossen. Besonders dank Stücken wie Stääne, Wer einmol Kölle sing Heimat nennt und vor allem Jedäuf met 4711, dem großen Hit der vergangenen Session. Schönes Lied, da geht auch bei mir der Daumen hoch. Leider gibt es bei den Klüngelköpp zu viele Schlagereinflüsse. Das ist bekanntlich gar nicht mein Ding.

Es folgten die Youngster von Cat Ballou, inzwischen eine Hausnummer in der Kölner Musikszene. Wie die nach ihnen auftretenden Kasalla sind Cat Ballou parkettsicher zwischen Karneval und Rockmusik angesiedelt. Ihr rotziger Rock auch für die jüngere Generation gestattet sogar die eine oder andere Punkattitüde. Da schaue ich dann auch mal generös über seichte Popstückchen hinweg.

Kasalla räumen ohnehin seit zwei Jahren und ihrem Überflieger Pirate ab, was abzuräumen ist. Am Tanzbrunnen bedienten sie die Rockschiene und zündeten ein Feuerwerk ihrer Hits. Von denen haben sie schon ein paar, obwohl es die Gruppe erst seit drei Jahren gibt. Ihren Popularitätsgrad konnte man am begeistert mitgehenden Publikum ablesen. Kasalla werde ich mir ganz sicher noch häufig anschauen (und anhören).

Als nächstes kamen altgediente Vertreter kölscher Musik auf die Bühne. Die Paveier bestehen seit 1983 und sind seit Dekaden eine feste Größe im Karneval. Neben den Bläck Fööss, den Höhnern und den Räubern zählen sie zum sogenannten Kleeblatt. Bei ihrer Darbietung gab es naturgemäß zahlreiche bekannte Stücke mit hohem Wiedererkennungswert. Das sentimentale Dat jeiht vorbei und das schmissige Schön ist das Leben mag ich. Für das wunderbare Mir sin Kölsche us Kölle am Rhing verzeihe ich ihnen sogar das anbiedernde Köln hat was zu bieten.

Und dann betraten eben die Bläck Fööss, seit 1970 die Mutter aller kölschen Bands, die Bretter, auf denen die Menschen in Köln sie sehen wollen. Vollblutmusiker mit Herz, Seele, Stimme, Vielseitigkeit im Genre und an den Instrumenten und großem musikalischem Können, ohne wie manch andere zu Kitsch zu neigen. Auch nach über vierzig Jahren gehen den Fööss die Ideen nicht aus, was vielleicht die größte Leistung ist. Besonders gefreut habe ich mich über gleich mehrere Stücke aus den Siebziger Jahren wie beispielsweise Lück wie ich und du. Das sind Evergreens, die nahezu jeder kennt, der kölsche Musik hört, egal ob Jung oder Alt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bands habe ich an den Bläck Fööss nichts auszusetzen. Allenfalls die beiden Schlagerausfälle Katrin und Bye bye my love.

Bei den Auftritten der fünf Bands war eines deutlich zu spüren. Die Grenzen zwischen Karnevalsmusik und Kölschrock sind längst verschwommen. Das finde ich sehr gut. Schließlich bin ich in beiden Bereichen zu Hause.

Gar nicht gut hingegen fand ich, daß NetCologne es geschafft hat, dem gräuslichen Moderator Linus eine adäquate Moderatorin zur Seite zu stellen. Eine wahrlich reife Leistung. Denn Claudia Barbonus, deren Namen ich zuvor noch nie vernommen hatte, schaffte es tatsächlich, im Stile einer Marktschreierin noch mehr inhaltsbefreites und plattes Gelaber von sich zu geben als Linus.

Dienstag, 26. August 2014

BAP zieht den Stecker

Da war sie also nun, die elektronisch reduzierte BAP-Tour. "Unplugged" nannte man das früher. Heute auch noch? Wolfgang Niedecken witzelte jedenfalls darüber, daß der Stecker natürlich nicht ganz gezogen sei, sonst würde man allenfalls in den ersten beiden Reihen etwas hören. Doch man wolle ganz höösch machen. Ob die Zuschauer denn wissen, was das Worte bedeute? Vergnügtes Lachen im Auditorium. Schließlich fand das Konzert in der Beethovenhalle in Bonn statt.

Überhaupt war der BAP-Frontmann zu einigen augenzwinkernden Bemerkungen aufgelegt, auch an seine eigene Adresse. Was habe man anläßlich der Tonfilm-Tour zur Jahrtausendwende noch Kritik auf die Ohren bekommen für eine bestuhlte Tournee. "BAP im Sitzen", zitierte er. "Das geht ja gar nicht." Bei der gestiegenen Altersstruktur seien die Besucher heute wohl froh darüber, drei Stunden sitzen zu können. So wie auch die Musiker selbst.

Eine Ausnahme machte Werner Kopal, der die meiste Zeit stand. Das geht nun mal schlecht anders bei einem Kontrabaß. Ansonsten fiel mir zunächst auf, daß Helmut Krumminga nicht auf der Bühne war. Stattdessen hatte BAP einen neuen Gitarristen dabei. Ulrich Rode, von dem ich noch nie gehört hatte. Aber ein hervorragender Ersatz für Krumminga, der aus persönlichen Gründen nicht an der Tour teilnehmen konnte. Ein vorübergehender Ersatz oder ein dauerhafter? Ich bin gespannt.

Los ging es mit Noh alle dänne Johre, einem meiner Lieblingsstücke vom letzten Album. Mit dem Text kann ich mich voll und ganz identifizieren. Danach ging es gleich ganz weit zurück in der Band-Historie. Die rut-wieß-blau querjestriefte Frau war mal wieder angesagt. Deutlich war der reduzierte Sound zu hören, der vielen der alten Stücke ein neues Gewand verleiht. Neu arrangiert, mußte ich mich erst daran gewöhnen. Und fand, daß das bei manchen Stücken wie dem folkigen Souvenirs oder dem dramatischen Lisa wunderbar funktioniert, ich aber mit anderen wie Rääts un links vum Bahndamm ohne fetzigen Rock'n'Roll oder mit der reduzierten Fassung von Anna nicht klar komme.

Einem Liedermacher und Geschichtenerzähler wie Wolfgang Niedecken kommt diese Form natürlich entgegen. Zumal die ausgewählt guten Musiker eine große Bandbreite zeigen. Ulrich Rode spielte nicht nur Gitarre, sondern zudem ein indisches Saiteninstrument, dessen Namen ich mir nicht merken konnte, und Pedal Steel. Anne de Wolf brillierte nicht nur wie gewohnt mit der Geige, sondern wechselte zwischen Mandoline, Cello, Posaune und einem indischen Harmonium hin und her. Dazu gibt es mir Rhani Krija wieder einen Percussionisten in der Band.

Der brachte mit seiner Spielweise gelegentlich einen orientalischen Touch in die Musik ein. Und ansonsten waren, wie erwähnt, folkige Klänge ebenso zu hören wie Country-Anleihen, vor allem durch die Pedal Steel. Dafür fehlten mir eindeutig die markanten Gitarren von Klaus Major Heuser oder Helmut Krumminga. Als Rock'n'Roll würde ich die derzeitige Ausrichtung nicht bezeichnen, dafür fehlen mir zu viele Rock-Elemente, was sich auch daran bemerkbar machte, daß einige Stücke, auf die ich wartete, nicht gespielt wurden. Die hätten wohl nicht ins Konzept gepaßt. "Weltmusik" titelte gar jemand, ein Begriff, der sich mir nie wirklich erschlossen hat.

Beim unverzichtbaren Verdamp lang hielt es das Publikum ohnehin nicht mehr auf den Stühlen. Frei nach dem Fußballfan-Motto "Sitzen ist für'n Arsch" sprangen alle auf und sangen lauthals mit. So mag ich es. Schön, daß als Zugabe noch Do kanns zaubre kam und zum Abschluß das großartige Sendeschluß. Letzteres dürfte ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört haben.

Doch davon abgesehen, daß ich eine andere musikalische Ausrichtung bevorzuge - um es mit Bruce Sprinsteen zu sagen: I got this guitar, and I learned how to make it talk - war es ein wunderbares Konzert. Es macht Spaß, Wolfgang Niedecken dermaßen entspannt und in jeder Hinsicht positiv zuversichtlich auf der Bühne zu sehen.

Da bin ich jetzt schon ein wenig mürrisch, daß BAP sich 2015 auf den Bühnen rar machen wollen. Kein Konzert? Schwer vorstellbar. Ich hoffe, Wolfgang Niedecken läßt sich zu dem einen oder anderen Sommer-Open Air hinreißen. Vielleicht am Tanzbrunnen oder in Bonn. Ansonsten richtet sich die ganze Konzentration der Band auf 2016. Denn dann kann das vierzigjährige BAP-Bestehen gefeiert werden.

Für diejenigen, die die Auswahl der gespielten Stücke interessiert, hier die komplette Setlist:

19.08. Bonn

◘ 1 ┌NOH ALL DÄNNE JOHRE
◘ 2 └RWB
3 MOMENT
4 ┌ZOSAMME ALT
5 └BAHNDAMM
6 ANNA
7 RITA
8 ┌MAGDALENA
9 └NÖHER
10 OLEANDER (ICH WÜNSCH MIR)
 (Bandvorstellung)
11 SHOESHINE
- - - - -
◘ 12 ┌SOUVENIRS
◘ 13 └MORJE FRÖH
14 LISA
15 ┌GULU
│Michas Intermezzo
16 │JUPP
17 └KRISTALLNAACH
18 FRANKIE
19 ┌PRÄDESTINIERT
20 │LENA
21 └VERDAMP
----------
22 PAAR DAACH
23 NOVEMBERMORJE
24 ZAUBRE
----------
25 ┌SONGS
26 └SENDESCHLUSS

Sonntag, 24. August 2014

Kasalla rocken den Tanzbrunnen

Erst 2011 wurde die Band gegründet. Seitdem hat sie zwei Alben mit drei Single-Auskopplungen veröffentlicht. Daß sie den Durchbruch geschafft hat, bewies das heutige Konzert am Tanzbrunnen. 11.000 Besucher waren da, die meisten ziemlich textsicher.

Mir sind Kasalla zuerst im Karneval aufgefallen, mit ihrem musikalischen Überflieger Pirate, der überall rauf- und runtergespielt wurde. Daher hielt ich sie anfangs für eine weitere Karnevalstruppe, möglicherweise nur mit einem One Hit Wonder. Weit gefehlt, wie auch der heutige Auftritt bewies. Ich ordne die fünfköpfige Mundart-Truppe längst dem Kölsch-Rock zu. Und den haben sie richtig gut drauf.

Denn abgerockt wurde kräftig. Immer en Bewäjung und Stäänefleejer kamen früh. Dazu zahlreiche Stücke, die ich bis dahin nicht kannte. Die Musiker waren bestens aufgelegt bei so einem großen Publikum, und die Menge honorierte die Spielfreude mit Begeisterung. Balladen können sie auch, wie Der Fluss beweist. Ebenso larmoyant angehauchte Schmachtfetzen wie Marie. Am Ende des Konzerts wurden die Hits abgefeuert. Immer noch do, Kumm mer lääve, und natürlich Pirate. Das Publikum ging ab wie die Rakete in Stäänefleejer.

Das dreistündige Programm wartete mit zusätzlichen musikalischen Überraschungen auf. Kasalla hatten sich Gäste eingeladen, zu denen sie eine besondere Beziehung haben. Das Urgestein der Kölner Musikszene Gerd Köster mit Frank Hocker und Helmut Krumminga. Dazu den früheren Bläck Fööss-Frontmann Tommy Engel, der Die Stadt von Trude Herr und seinen musikalischen Leckerbissen Du bes Kölle zum besten gab und frenetisch gefeiert wurde.

"Wir kommen wieder" versprachen Kasalla am Ende. Daran dürfte kein Zweifel bestehen. Ich sehe sie schon in vierzig Jahren auf der Bühne stehen, eine Institution der Stadt, verehrt und gefeiert, so wie heute die Bläck Fööss. Da muß einem um das Fortbestehen kölscher Mundartmusik nicht bange sein.

Montag, 10. Februar 2014

Zarah Zylinder (fast) nackt auf der Bühne

Die Kölner Band Zarah Zylinder war bei mir völlig vom Schirm verschwunden. Ich stieß vor ein paar Tagen wieder auf den Namen, als ich im Internet über Gerd Köster und besonders sein Tom Waits-Projekt The Piano Has Been Drinking recherchierte. Im Zuge dessen stieß ich auf die legendäre Truppe Schroeder Roadshow und eben auf Zarah Zylinder. Auch bei letzterer hatte Köster, den spärlichen Internet-Informationen zufolge damals gerade 22 Jahre alt, gesungen.

Und plötzlich erinnerte ich mich wieder an Zarah Zylinder, diese herrlich verrückte Anarcho-Rockkapelle. Ein einziges Album haben sie veröffentlicht, das war 1980. Ich habe sofort nachgeschaut, und siehe da, es steht tatsächlich noch in meinem Plattenregal mit den alten Vinyl-Scheiben. Ein echtes Schätzchen, das anscheinend als CD gar nicht zu bekommen ist.

Es muß in jenem Jahr gewesen sein oder vielleicht auch schon 1979, daß ich ein Konzert der Zarahs live gesehen habe. Am Rudolfplatz war das, in einem verräucherten unterirdischen Rockschuppen, den es schon lange nicht mehr gibt und an dessen Namen ich mich nicht erinnere. Das Konzert war lärmend und brachial, sehr zu meinem damaligen Wohlgefallen, politisch radikal mit gepflegtem Anarcho-Anstrich. Die Songtitel Lass die Sau mal wieder raus etwa, Mach'n Adler, Gesicht zur Wand oder Schock Doof im Dritten sprechen für sich. Im Stück Nostalgie beispielsweise hörte sich das so an:
"Machen wir in Nostalgie wie vor vierzig Jahren die Senioren,
stecken wir einfach den Kopf in den Sand
und stopfen wir uns Watte in die Ohren.
Machen wir in Nostalgie, bis die ersten Bücher wieder brennen
und die Blockwarte wieder zur Gestapo rennen."
Am Ende des Auftritts stand ein Teil der Musiker, wenn ich mich richtig erinnere, nackt auf der Bühne, bloß noch bekleidet mit ihren Instrumenten und mit Kondomen über ihren Dödeln. Für einen braven Schüler wie mich war das ein ganz schöner Kulturschock. Große Pose! Dagegen waren selbst die Sex Pistols bessere Schülerlotsen.

Leider sind über Zarah Zylinder im Netz so gut wie keine Informationen zu finden. Sollte jemand eine Internetquelle kennen, würde ich mich über eine Nachricht freuen.

Sonntag, 22. Dezember 2013

Kasalla im Gloria

Sie sind die Senkrechtstarter der Kölner Musikszene, die fünf Jungs von Kasalla. Was soviel bedeutet wie Krawall oder Ärger. Sänger, Gitarrist, Bassist, Schlagzeuger und Keyborder machen deutlich, wohin die Reise geht, dazu ausnahmslos mit kölschen Texten. Es ist beeindruckend, wie die junge Mundartband in den gerade einmal zwei Jahren ihres Bestehens und mit inzwischen zwei Alben durchgestartet ist. Nicht ganz schuldlos daran ist sicher der Einsteiger Pirate, ihre erste Single-Auskopplung, die 2012 mit gehißter Flagge, Totenkopf und roter Nase wie ein Donnerschlag in den Karneval Einzug hielt.

Ein wenig werden sie seitdem dem Karneval zugeordnet, und dort haben sie großen Erfolg. Ansonsten werden sie sowohl im Rock als auch im Pop verortet, beides sicher nicht zu Unrecht. Für mich fallen sie schlicht und einfach unter das weite Feld des Kölschrock. Belege dafür sind die aktuellen Stücke Kumm mer lääve und Der Fluss, die meilenweit vom Karneval entfernt sind, das erste geistreich-lebensbejahend und mit einem witzigen Video produziert, das zweite nachdenklich, besinnlich und melancholisch, fast schon sentimental, ohne in Kitsch abzugleiten.

Eine besondere Leistung von Kasalla ist es, bei Kritikern gleichermaßen gut anzukommen wie beim Publikum. Ebenso bei Jung und Alt. Entsprechend gemischt war das Publikum im Gloria-Theater, wo ich sie jetzt zum ersten Mal live gesehen habe. Nach ihrer ersten Tour im vergangenen Sommer, die in drei ausverkauften Konzerten in der Live Music Hall gipfelte, wollten sie sich im Gloria-Theater mit einem Jahresabschlußkonzert verabschieden. Daraus wurden gleich vier aufeinanderfolgende Abende, allesamt ausverkauft.

Es ging los mit einem halben Dutzend rockiger Stücke, um die Zuschauer anzuheizen - was aber nicht nötig war. Denn von Beginn an hatten Kasalla ihr textsicheres Publikum bestens im Griff. Offenbar haben sie sich bereits eine respektable Fanschar erspielt. Ich kannte im Grunde kaum mehr als die Stücke, die bei youtube zu finden sind, und unter denen gibt es keinen Ausfall. Ich hätte jedoch nicht erwartet, daß die Band in der Lage ist, ein zweieinhalbstündiges Programm mit Leben, Intensität und guter Musik zu füllen. Das tat sie aber, was mich nun richtig neugierig auf die beiden Alben macht.

Kasalla verfügen über ein Repertoire, das man nach nur zwei Scheiben nicht erwartet und das sich über verschiedene Musikstile erstreckt. Rock, Balladen, ein bißchen Tanzmusik ist auch dabei. Alles, wie schon erwähnt, auf Köln. Hochdeutsch scheint bei den Jungs zumindest in musikalischer Hinsicht verpönt zu sein. Das ist gut so, und ich hoffe, das bleibt auch so. Davon können die Höhner sich eine Scheibe abschneiden.

Überraschungen gab es einige. Nach den anfänglichen elektrifizierten Fegern wurde mit klassischen Instrumenten in den Akustikmodus geschaltet. Kontrabaß, Cello, Xylophon statt Schlagzeug und die Quetsch. Sogar die durch Hans Süper populär gewordene Flitsch kam zum Einsatz, speziell beim Krätzchen Wenn ich Millionär wöhr, der ältesten sparsam instrumentierten musikalischen Vortragsform in Köln, wie man sie beispielsweise von Karl Berbuer oder Horst Muys kennt.

Gassenhauer wie Immer noch do haben Kasalla ebenso drauf wie irische Klänge oder ihren eigenen Beitrag zu Arsch huh. Auch auf musikalisch dicke Hose können sie machen. So geschehen bei den Einsätzen einer vierköpfigen Bläsersektion, bestehend aus zwei Trompeten, Posaune und Saxophon, oder bei der vokalen Unterstützung von drei Backgroundsängerinnen. Als zur Zugabe Pirate erklang, dachte ich, gleich hebt das Gloria ab. Das Programm war gleichermaßen gut wie abwechslungsreich. Ich erwähne es noch einmal: das alles nach erst zwei Jahren Bandbestehen und zwei Alben.

Dabei merkte man den fünf Musikern den Spaß an, den sie auf der Bühne und bei der Darbietung ihrer Lieder haben. Entwickelt Kasalla sich so weiter, bin ich gespannt, welche Hallen die Jungs in ein paar Jahren füllen werden. Gäbe es mehr neue, junge Bands wie sie - oder auch Cat Ballou - wäre mir um die Zukunft kölscher Mundartmusik nicht bange.

Sonntag, 30. Juni 2013

Et rüsch noh Kristallnaach

Die drei Kronen vom Kölner Stadtwappen bestimmten das Bühnenbild, und die Glocken des Kölner Doms erklangen. Bei Auftritten in Bonn spricht Wolfgang Niedecken ja gern von Heimspielen. Um kurz nach neunzehn Uhr betraten BAP die Bühne. Die Band um Mastermind Niedecken, grauhaarig, mit Hut, Bart und Schnäuzer, rockte gleich los mit Halv su wild und Ne schöne Jrooss.

Bis zum Konzertende hielt sich der blaue Himmel mit Sonnenschein. Seit Tagen hatte es geregnet, bis zum Nachmittag noch, doch das gesamte Konzert in Bonn auf dem Gelände Kunst!Rasen war mit schönem Wetter gesegnet. Das war ein bißchen so, wie man es vom kölschen Karneval her kennt. Das Wetter kann so schlecht sein, wie es will, spätestens Rosenmontag scheint die Sonne. Der Wettergott muß in der Tat ein Kölner sein.

Wolfgang Niedecken war locker und gut drauf, wie seine Ansagen zwischen den einzelnen Stücken zeigten. Er gab sich augenzwinkernd, sogar ein wenig selbstironisch. Das Programm war bunt gemischt. Es gab einige Stücke vom letzten Album, andere aus der Anfangszeit von BAP. Bei einer Karriere, die nun schon über 30 Jahre anhält, gibt es reichlich Material, aus dem die Band auswählen kann. So wurden in den knapp drei Stunden Spielzeit satte 26 Songs präsentiert, und dennoch vermißt man zwangsläufig das eine oder andere seiner Lieblingsstücke.

Verdamp lang her wurde diesmal bereits vor dem Zugabenteil angestimmt. In dem gab es Kristallnaach und Arsch huh, mit die politischsten Stücke von BAP. Neben der Politik ging es in den Texten um Glaube und Religion, um Liebe und Trennung. Es gab alles, wofür die Fans ihren Südstadt-Dylan lieben, Dylan natürlich auch, wie etwa mit My Back Pages. Ruhige Nummern wie Do kanns zaubere wechselten mit Up Tempo Stücken wie Unger Krahnebäume und Diss Naach ess alles drin ab.

Daß das Publikum Wellenreiter alleine singt, ist längst Tradition. Vieltausendstimmig und textsicher schallte es über den Platz. Niedecken klatschte danach Applaus. Die Interaktion zwischen BAP und Publikum gelang wie immer bestens. Beendet wurde der Abend mit dem wundervollen Jraaduss. Danach wurde Heimweh noh Kölle von Willi Ostermann eingespielt. Ein weiteres großartiges BAP-Konzert war vorüber. Mit Live-Auftritten halten sie sich dieses Jahr in Deutschland zurück. Daran dürfte die Arbeit am kommenden neuen Album schuld sein. Vielleicht sogar an zweien, wie hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird.

Mittwoch, 21. November 2012

Kölle jeiht uns unger de Hugg

Die Geschichte vom bedauernswerten Moorflitschje, das einsam im Moor sitzt, sich nach einem Freund sehnt und doch nur mit der gesamten männlichen Hälfte des Dorfes verkehrt, war nicht mehr allein Musik, sondern Kabarett. In bester Kleinkunst-Manier zelebrierte De Familich das Zugabestück zunächst auf der Bühne und dann fingerschnippend quer durchs Publikum. Da hatten die fünf Musiker bereits einen zweistündigen Auftritt hinter sich.

Im Reissdorf-Brauhaus auf der Severinstraße (Zum alten Brauhaus) gastierte die Mundartgruppe diesmal. Neben den beiden akustischen Gitarren und der Geige gab es Unterstützung durch die Quetsch und gar ein Trömmelchen. Das ist eine sehr schöne Kombination von Instrumenten für die Musik der Familich, die ich gern als Kölsch-Folk bezeichne. Das Konzert war ausverkauft, die Stimmung bestens, und dank der Texthefte wurde auch wieder kräftig mitgesungen.

Mittlerweile kann sich De Familich dank der zahlreichen Lieder von Wolfgang Anton auf ein beachtliches eigenes Repertoire stützen, dennoch werden die alten Ikonen nicht vergessen. Es gab gleich mehrere Stücke von den Bläck Fööss, aber auch kölsche Klassiker wie En d'r Kaygass von Wilhelm Herkenrath und Hermann Kläser oder Mer schenken der Ahl e paar Blömcher vom 2011 verstorbenen Kölner Liedermacher Hans Knipp.

Musikalisch sind irische Einflüsse zu vernehmen und gar slawische in Kölsche Jung. Der Herkunft der Musiker wurde in Ich wonn en d'r Südstadt gedacht, Fäänwih ist eine kongeniale kölsche Umsetzung von Spingsteens The American Land. Ein wenig Karneval gab es mit Op de Trumm jeklopp und Aldermaat, zwei Stücken, die auch langfristig zu Gasenhauern werden können. Loss mer singe ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben und für mich neben Kölsche Jung und dem diesmal nicht gespielten 12 Sekunde Jlöck der Höhepunkt eines jeden Familich-Konzerts.

Natürlich war es wieder ein mitreißendes Konzert, und natürlich war es ein gelungener Abend. Über die zwölf Euro Eintritt für ein Zweistundenkonzert, für das man bei manchen Bands im Müngersdorfer Stadion schnell mal einen Hunderter hinlegen kann, kann sich wirklich niemand beklagen. Deshalb ist nach einem Familich-Konzert auch gleich wieder vor einem Familich-Konzert. Denn wie es in Loss mer singe so treffend heißt: »Et es doch immer widder schön, wenn mer all zosamme sin. Un mer singe all die Leeder, die mer vun Kindheit aan schon kennt.« Dem ist nichts hinzuzufügen.

Sonntag, 11. November 2012

Zwanzig Jahre lang den Arsch huh

Am 9. November 1992 machte die Kölner Musikszene mobil. Grund waren die mehrere Tage andauernden ausländerfeindlichen Ausschreitungen gegen Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen, gefolgt von ähnlichen Schanden in anderen Städten. Genauso schlimm wie die Gewalt der randalierenden Faschos fand ich die Applausbekundungen der sogenannten Normalbürger und das zurückhaltende, völlig inkompetente Auftreten der Polizei. Unter dem Motto Arsch huh, Zäng ussenander wollten Kölner Musiker damals ein Zeichen gegen Rassismus und Neonazis setzen. Mit dem enormen Zuspruch einer Teilnehmerzahl von 100.000 Menschen am Chlodwigplatz in der Kölner Südstadt hatte man nicht annähernd gerechnet. Köln machte tatsächlich mobil. Der Termin war nicht zufällig gewählt, sondern gedachte der Reichspogromnacht von 1938.

Nun, auf den Tag genau zwanzig Jahre später, wurde die Veranstaltung neu aufgelegt. Neben dem ursprünglichen Anliegen ging es diesmal generell um Ausgrenzung und die soziale Schieflage in diesem unserem Land, und wieder traten sämtliche Künstler selbstverständlich kostenlos auf. Ich unterstütze die Anliegen der AG Arsch huh, gerade in einer weltoffenen, toleranten Stadt wie Köln - beziehe das aber ausdrücklich nicht auf jugendliche Schlagetots in U-Bahnhöfen, Salafisten und andere radikalislamistische Gruppierungen oder Intensivtäter mit Migrationshintergrund. Die aber, nie vergessen, sind eine Minderheit, die weder Vorurteile noch Pauschalverurteilungen rechtfertigt, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt schon gar nicht. Eine Party für alle sollte die Veranstaltung sein, wurde betont, aber nicht nur das, sondern auch politische Veranstaltung und Kundgebung.

Die Veranstaltung fand heuer auf dem Gelände der Deutzer Werft statt, gleich am Rhein gelegen. Es füllte sich rasch, und schließlich kamen sage und schreibe 80.000 Menschen zusammen, junge und alte, um die Veranstaltung und die Ziele der Veranstalter zu unterstützen. Fast alle damaligen Musiker waren wieder dabei, dazu eine Menge anderer. Auch Kabarettisten und hochrangige Redner äußerten sich unmißverständlich. Unter ihnen waren Mariele Millowitsch und Elke Heidenreich, die einen Text von Karl Valentin über Fremde vortrugen, der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters, der Tatort-Kommissar Dietmar Bär, der besonders vor einem neu aufkommenden Rassismus in Fußballstadien warnte, der Schriftsteller Frank Schätzing und der Kabarettist Wilfried Schmickler mit seiner wohltuend kompromißlosen Art.

Sämtliche teilnehmden Musiker aufzuführen, würde zu weit führen, daher seien nur ein paar genannt. Als jüngste Band war Kasalla dabei, mit ihrem Hit Pirate die Shooting Stars der vergangenen Karnevalssession. Sie zeigten, daß sie auch richtig rocken können. Gerd Köster und Frank Hocker warteten wie viele ihrer Kollegen mit einem neuen Stück auf, das speziell für diese Veranstaltung geschrieben worden war. Zeltinger und Brings waren vertreten, Tommy Engel sang mit seinen Söhnen Du bess Kölle. Die Höhner, seit jeher engagiert in sozialen Projekten wie der Obdachlosenhilfe, spielten ihr Anti-Nazi-Lied Wann jeiht der Himmel wieder op und ihre Interpretation des Bürgerlieds von 1845. Die Bläck Fööss, ebenfalls viel karitativ tätig, spielten ihr Lied von der Schäl Sick, wo das Ganze stattfand, und In unserem Veedel. In unseren Veedeln (also unseren Kölner Stadtvierteln) wird, wie Erry von den Fööss treffend feststellte, seit jeher integrative Arbeit durch nachbarschaftliche Beziehungen geleistet.

Gemeinsam spielten die Fööss mit Wolfgang Niedecken, Peter Brings und Klaus dem Geiger das neue Stück Dreckelige ahl Stadt, dann sagte Peter Rüchel BAP an, mit denen ihn ein langer Weg verbindet. BAP brachten die ganze Veranstaltung mit Kristallnaach auf den Punkt, und vor Amerika bedankte Wolfgang Niedecken sich bei all jenen, die 1945 »diese Stadt vom Faschismus befreit haben«. Danach kam das große Finale, als sämtliche Musiker die Bühne betraten. Unter ihnen auch der kölsche Grieche Nick Nikitatis, der 1992 zusammen mit Niedecken das Mottolied Arsch huh, Zäng ussenander geschrieben hatte. Das spielten sie nun alle zusammen, und danach noch Unsere Stammbaum von den Bläck Fööss, so etwas wie eine inoffizielle Kölner Hymne, die davon handelt, daß wir alle, die wie heute in dieser Stadt leben, auf fremden Wurzeln beruhen.

Vorbei waren fünf Stunden Programm in pfeifendem Wind, und sie waren schnell vorbeigegangen. Ich war nie stolz auf dieses Land - warum auch? -, obwohl ich keinen anderen Paß haben möchte, aber an diesem Abend war ich endlich mal wieder stolz auf meine Vaterstadt.

Dienstag, 16. Oktober 2012

De Familich spielt Willi Ostermann

Am gestrigen Abend lud die Kölner Mundartgruppe De Familich ins Sion-Brauhaus in der Altstadt. Grund war die Veröffentlichung ihres neuen Albums, das diesmal - bis auf eine Ausnahme - keine eigenen Stücke enthält, sondern neu eingespielte Versionen alter Lieder von Willi Ostermann. Dieses eine Lied stammt nicht von Ostermann, sondern von Josef Loup und hat ihn als späte Ehrung zum Thema. Das Album trägt den Titel Kölsche Mädche künne bütze.

Willi Ostermann (1876 - 1936) ist in Köln bis heute eine Legende und ein Original. Er war Verfasser zahlreicher Heimat- und Karnevalslieder in Kölscher Mundart und in Hochdeutsch. Seine Krätzchen trug er selbst vor, schrieb sie aber auch für andere Musiker der damaligen Zeit. Die Familich, deren Musik mittlerweile als kölscher Folk bezeichnet wird, hat sich nun einigen der bekanntesten kölschen Stücke Ostermanns angenommen und sie neu vertont. So spielten die fünf Musiker überwiegend Lieder von diesem Album.

Man kann mit Fug und Recht sagen, daß es sich um Klassiker handelt, die bis heute nicht vergessen sind. Das erkannte man allein schon daran, daß das Publikum, wie bei Auftritten der Familich so üblich, ins Konzert eingebunden wurde und kräftig mitsang. Um das zusätzlich zu unterstützen, wurden vor Konzertbeginn wieder Liederhefte mit den Texten verteilt. Die werden mittlerweile nicht mehr selbst kopiert und geheftet, sondern kommen in farbigem Hochglanz daher - auch ein Indiz für den Erfolg der Familich.

Die Zuschauer im vollen Saal hatten ebenso viel Spaß wie die Künstler auf der Bühne. Unter ihnen war der Neuling Johannes Weber, der zum ersten Mal eine elektrische Gitarre bei einem Konzert der Familich einbrachte. Daneben gab es die beiden obligatorischen Akustikgitarren, die Vokalistin Heike Siek und die wunderbare Geige von Volker Becker. Die Quetsch fehlte diesmal leider, da die Akkordeonspielerin krankheitsbedingt absagen mußte.

Wie gut die neu arrangierten Ostermann-Lieder und auch die immer wieder eingestreuten eigenen Stücke der Familich einmal mehr ankamen, bewies der lang anhaltende Applaus. Zwischendurch unterhielt ich mich mit Stephan Brandt von Center TV und nach dem Konzert bei einigen Bier noch eine ganze Weile mit dem Familich-Sänger Wolfgang Anton. Es war wieder mal ein schöner Abend, doch darauf kann man sich bei der Familich blind verlassen.

Donnerstag, 6. September 2012

BAP auf der Loreley


Verdamp lang her, das kann man wirklich sagen. Denn erst 30 Jahre und 3 Tage nach dem legendären Konzert von 1982 im Rahmen des Rockpalastes stand BAP wieder auf der Freilichtbühne der Loreley. Immer wieder während des dreistündigen Auftritts kam Wolfgang Niedecken auf das damalige Ereignis zu sprechen. So merkte man, wie sehr es ihm laut Ansager Peter Rüchel eine Herzensangelegenheit war, musikalisch an diesen Ort zurückzukehren. Niedecken ließ das Publikum seine Begeisterung über den damaligen Auftritt und das ganze Drumherum spüren, besonders Rory Gallagher kennengelernt und sogar kurz auf dessen Gitarre gespielt zu haben.

Der Wettergott hatte ein Einsehen. Nach dem verregneten Vortag gab es blauen Himmel und Sonnenschein satt. Das Open Air Gelände war brechend voll. Die Loreley ist für mich ohnehin der schönste all jener Veranstaltungsorte, die ich schon zu Konzerten besucht habe. Gleich über dem Rhein gelegen, mit einem wunderschönen Ausblick und ringsum grün. Am späten Abend der Untergang der prallen gelben Sonne hinter den Hügeln auf der gegenüberliegenden Rheinseite. Da hält nur die Berliner Waldbühne mit. Rund 10.000 Zuschauer waren zusammengekommen.

Vom Opener Stoppok bekam ich nur die letzten beiden Stücke mit, mit akustischer Gitarre und blueslastig. Hubert von Goisern, von dem ich zuvor wohl noch nie bewußt ein Lied gehört hatte, hatte ich bis dato immer als einen waschechten Bayern verortet. Die Österreicher mögen es mir verzeihen. Bei seinem Auftritt konnte ich nachvollziehen, wie sich BAP-Hörer fühlen, die des Kölschen nicht mächtig sind. Ich verstand nämlich bestenfalls ein Viertel der österreichischen Texte. Die Musik hat mir gut gefallen, ziemlich rockig mit Ausflügen zu ländlicher Folklore in elektrifizierter Form, mehrfach garniert mit minutenlangen Jodelattacken.


Ich und Freund Mathias, der BAP-Graphiker, nach dem Konzert.
(c) Foto by Adolf Kesseler
Als Intro läuteten die Glocken des Kölner Doms, was gleich heimatliche Klänge bescherte. BAP begann mit Halv su wild und hörte auf mit Songs sinn Dräume. Dazwischen lagen musikalische Erinnerungen aus den letzten 35 Jahren, darunter selbstverständnlich die Dauerbrenner Verdamp lang her und Do kanns zaubre, zum Glück auch wieder Ne schöne Jrooss sowie meine Lieblingsstücke vom aktuellen Album Chlodwigplatz und Verjess Babylon sowie All die Aurenblecke. Insgesamt gab es 27 BAP-Stücke, danach noch wie vor 30 Jahren Knockin' On Heavens Door, bei dem alle zusammen auf der Bühne standen, BAP, Stoppok, Hubert von Goisern.

Wolfgang Niedecken zog dabei alle Register, mal nachdenklich, mal kritisch, melancholisch oder vergnügt, mit der Rocktruppe im Rücken oder allein mit akustischer Gitarre und Mundharmonika. Bei alledem ehrlich, aufrichtig und authentisch. Und glücklich mit all den Leuten, die, wie er selbst sagt, nach all der langen Zeit immer noch zu seinen Auftritten kommen.

Es war ein schöner Abend, ein magischer Abend mit großen Momenten. Ich hätte ihn nicht verpassen mögen. Wie Wolfgang am Ende feststellte, wird er 91 sein, sollte es wieder 30 Jahre bis zum nächsten Auftritt auf der Loreley dauern. Das kriegt er hoffentlich viel schneller hin. Bis dahin werde ich andere Gelegenheiten nutzen, ihn und BAP live zu sehen. Immer wieder, und stets mit der gleichen Begeisterung wie beim ersten Mal.