Freitag, 8. Juni 2012

Konterrevolutionärer Proletensport Fußball

Die vergangene Fußballsaison ist Geschichte, endlich startet die Europameisterschaft. Wer mich kennt, der weiß, daß ich heiß darauf bin, die Spiele der deutschen Kicker zu sehen, aber auch die anderen Mannschaften, wenn wir nicht auf sie treffen. Der Fußball in Deutschland ist längst in sämtlichen Gesellschaftsschichten angekommen, bei Frauen gleichermaßen wie bei Männern. Einst waren die Fußballmalocher auf dem Rasen das Gegenstück zu den Untertage-Malochern im Ruhrpott. Heute passen viele Jungmillionäre auf dem Grün blendend zu den Anzugträgern und Eventies in den teuren Stadionlogen.

Die Zeiten haben sich geändert, der Fußball ist zur Massenware geworden, zur Show. Zur Clowneske gar zuweilen. Auf Vieles, was sich rund um ein Liga- oder Länderspiel abspielt, könnte ich gern verzichten. Buisinesslogen? Dienen häufig nur irgendwelchen Geschäftsleuten, die ihre Freikarten fürs Sponsoring dazu nutzen, möglichst viele Lachsschnittchen in sich reinzustopfen. Cheerleader? Für mich Kasperletheater nach amerikanischem Vorbild.  Für mich stand stets das Spiel als solches im Vordergrund, und daran wird sich nichts ändern. Vielleicht muß man selbst jahrzehntelang gebolzt haben, um das so zu sehen.

Von Kindesbeinen an bin ich mit Freunden ins Stadion gegangen, von einigen Zeitgenossen nur belächelt, während andere sinnbildlich die Nase rümpften. In der Meistersaison 1977/1978 stand ich bei ziemlich jedem Heimspiel des FC in der Südkurve. Ich habe mit der Fortuna gelitten, wenn einmal mehr der Aufstieg ins Oberhaus knapp verpaßt wurde, besonders bei den Relegationsspielen gegen Borussia Dortmund 1986. Oder auch bei der FC-Niederlage im Endspiel des Uefa-Cups in Berlin gegen Real Madrid im gleichen Jahr.

Damals galt Fußball in vielen Kreisen noch als Proletensport, und wer sich dafür interessierte und gar ins Stadion ging, war eben ein Prolet, Assi und Krawallmacher. Mädchen oder Frauen sah man zu dieser Zeit nur wenige im Stadion, und die hatten dann ebenso schnell ihren schlechten Ruf weg.

Über eine andere Sache habe ich schon damals den Kopf geschüttelt, und das tue ich heute im Nachhinein immer noch. Ich kannte tatsächlich Leute, die sich selbst als politisch links bezeichneten und sich aus diesem Grund kein Spiel der deutschen Nationalmannschaft ansahen. Oder sie taten es doch und schrieen grundsätzlich gegen die eigene Elf. Schließlich wäre es konterrevolutionär gewesen, den Deutschen die Daumen zu drücken. Wenn ich das heute noch als lächerlich bezeichne, ist es harmlos ausgedrückt für soviel weltfremde Engstirnigkeit.

Ja, es geht endlich los mit der Europameisterschaft. Ich wüßte gern, wie viele von den Leuten, die damals von Proletensport oder konterrevolutionären Umtrieben gefaselt haben, inzwischen mit Begeisterung dabei sind. Ich wünschte, sie hätten beim Torjubel zumindest ein kleines bißchen schlechtes Gewissen. Aber das wird wohl kaum so sein, denn was stört die Leute ihr dummes Geschwätz von gestern? Das wußte schon Konrad Adenauer.

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