Freitag, 21. Oktober 2011

Robert Feldhoff: Terra in Trance

Seit einiger Zeit werden ausgesuchte Romane aus den rund 400 früheren PERRY RHODAN-Taschenbüchern neu aufgelegt. Sie erscheinen in der Reihe der Planetenromane im Taschenheft-Format, einem Zwischending zwischen Heftromanen und Taschenbüchern. Zuletzt las ich Taschenheft 13, das mit der Geschichte Terra in Trance des viel zu früh verstorbenen Robert Feldhoff beglückt.

Der Autor entführt seine Leser in eine kalte und triste Welt der Zukunft. In den Straßen Terrania Citys, der verwahrlosten Hauptstadt der Menschheit, sind Kinder auf sich allein gestellt. Beim täglichen Kampf ums Überleben gilt das Gesetz des Stärkeren. Auf Familien und Erwachsene können sie sich nicht verlassen, denn die gibt es nicht. Ab einem bestimmten Alter nämlich werden die Jugendlichen von Robotern ins sogenannte Simusene versetzt. Sie hocken in den leeren Räumen gigantischer Wolkenkratzer. Mit einem Chip am Arm und künstlich ernährt, vegetieren sie dahin, ohne sich ihrer Lage bewußt zu sein, und existieren bis zu ihrem Lebensende in aufgezwungenen Träumen.

Robert Feldhoff schildert die Geschichte des Jungen Oderik Stern, zunächst auf der Straße zwischen den Schutthalden, später als Gefangener des Simusense. Auch Oderik erkennt sein wahres Schicksal viele Jahre lang nicht, trotzdem gelingt es ihm als einem von ganz wenigen schließlich, sich aus der virtuellen Welt zu befreien. Als Einsamer und Verlorener stemmt er sich in bester Philip K. Dick-Manier gegen das Schicksal, doch gegen die bestehenden Verhältnisse auf der gelähmten Erde kommt er nicht an. Am Ende stirbt er.

Die Geschichte ist düster, die Geschichte ist tragisch. Ich habe damals den kompletten Cantaro-Zyklus gelesen, der sich über 100 PERRY RHODAN-Hefte erstreckte, nämlich von Band 1400 bis 1499. Er ist erschienen zwischen 1988 und 1990. Mit dem Simusense haben die Autoren eine Menge von dem vorweggenommen, was in den Folgejahren zum Thema Computersimulationen und zu virtuellen Bewußtseinsebenen an anderer Stelle geschrieben wurde. Überhaupt wurde mit den Cantaro und der Widerstandsorganisation Widder, mit den angeblichen acht Herren der Straßen, hinter deren Masken sich der Diktator Monos verbarg, und der menschenfeindlichen Erde mit der Hölle des Simusense ein großartiges Szenario entworfen. (Das, wie ich damals schon kritisiert habe, in den letzten beiden Heften des Zyklus leider gnadenlos eingerissen und zu Makulatur wurde.)

Robert Feldhoff hat die Kernelemente dieser Terra-Hölle in großartiger Weise in seinem Planetenroman verarbeitet. Beim Lesen spürt man förmlich die Kälte und Feindlichkeit des technisierten Elends, in das die Menschen gesteckt wurden, ohne es zu wissen. Man leidet mit den Figuren, besonders in Gestalt von Oderik Stern, der seine längst verloren geglaubte Mutter in einem heruntergekommenen Raum findet, wie alle Menschen nur noch ein Zombie, ein Schatten ihrer selbst und verloren im Simusense. Oderik kann sie nicht retten, und schlußendlich kann er auch sich selbst nicht retten.

Der Roman hat mich begeistert. Für mich ist er der mit Abstand beste der bisher erschienenen Planetenromane, einfach Robert Feldhoff in Höchstform. Terra in Trance macht deutlich, was PERRY RHODAN durch Roberts tragischen Tod verloren gegangen ist.

Hätte ich zwei Wünsche für weitere Planetenromane frei, müßte ich nicht lange überlegen. Da wäre zum einen Grüße vom Sternenbiest, ebenfalls von Robert Feldhoff - da allerdings seinerzeit in der Reihe SPACE THRILLER erschienen und vom Umfang her zu lang, scheidet dieser spannende Weltraum-Thriller wohl aus. Zum anderen führt für mich kein Weg an Der Narrenturm vorbei, der glänzend skurrilen Science Fiction-Satire des ebenfalls jung verstorbenen Kölner Autors Thomas Ziegler.

Kommentare:

  1. Danke, Achim, für den schönen Artikel. »Der Narrenturm« steht auf meiner Liste auch schon ...

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Achim, vielen Dank für diesen sehr interessanten Blog-Artikel. Ich werde mir nun das Taschenheft kaufen. Bin sehr gespannt. Robert Feldhoff war genial (siehe u.a. Grüße vom Sternenbiest).

    AntwortenLöschen
  3. Sehr schön geschrieben.
    Ich kann Dir da nur zustimmen, Achim. Der Roman hat mir sehr gut gefallen. Nebst dem neuen Roman von MMT - und natürlich Deine Geschichte um Alaska, die mich auch gepackt hatte - die beste Veröffentlichung, innerhalb der Taschenhefte.
    Man darf gespannt sein, welche Perlen sich noch unter den vielen Taschenbüchern befinden, um eine neue Leserschaft zu finden.

    AntwortenLöschen