Sonntag, 16. Oktober 2016

Manfred Borchard 1950 - 2016

Als ich 1980 ins Science Fiction-Fandom geriet, war Manfred Borchard dort bereits eine große Nummer. In jener Zeit versuchte jedes Fanzine, das etwas auf sich hielt (EXODUS, SAGITTARIUS u.a.), eine Borchard-Story zu ergattern. Mir ging es nicht anders, als ich mit der sechsten Ausgabe DENEBOLA als Herausgeber übernahm. Ich legte von Anfang an Wert auf Erzählungen und Graphiken, Artikel waren mir verpönt – und so wollte ich unbedingt eine Geschichte von Manfred Borchard, von dem ich da bereits ein paar Stories gelesen hatte, im Heft haben. Ich schrieb ihn an, und so kamen wir in Kontakt.
 
Wahrscheinlich klang mein Brief ziemlich ehrfürchtig (Ein Magazin, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, warb damals tatsächlich mit dem Slogan: „Früher hatten wir Borgward, heute haben wir Borchard.“). Meine Angst vor einer Absage erwies sich wenig später als unbegründet. Manfred schickte mir eine unveröffentlichte Story mit dem vielsagenden Titel Täglich zweimal pervers. Sie gefiel mir sehr, wie mir bis dahin – und auch später – alles aus der Borchardschen Feder gefallen hatte, und natürlich brachte ich sie in Denebola 6 unter. Ich war stolz wie Bolle.
 
Manfred Borchard wurde 1950 in Freiburg geboren. Er war gelernter Schriftsetzer von Beruf und arbeitete in einer Druckerei. Im Alter von 14 Jahren begann Manfred sich für Science Fiction zu begeistern, zehn Jahre später schrieb er dann erste eigene Erzählungen. Erste Veröffentlichungen erfolgten 1976, und von da an war er einer der begehrtesten Autoren der Szene. Seine Stories erschienen fortan in zahlreichen Fanzines, Magazinen und Anthologien, und gemeinsam mit Helmut Ehls gab er PHALANX heraus. Doch irgendwann gingen seine Veröffentlichungen zurück, bis gar nichts mehr von ihm zu finden war, was ich schade fand. Erst im neuen Jahrtausend publizierte er dann wieder die eine oder andere Geschichte in Exodus. Ob auch anderenorts, ist mir leider nicht bekannt.
 
Persönlich kennengelernt haben wir uns nie, und unser Briefwechsel Anfang der Achtziger Jahre war äußerst sporadisch und hielt auch nicht lange an. Im Nachhinein stelle ich fest, dass ich über den Menschen Manfred Borchard so gut wie nichts weiß – doch ein paar seiner Geschichten sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Manfred Borchard starb, wie ich erst jetzt erfuhr, Ende September nach längerer, schwerer Krankheit in seiner Heimatstadt Freiburg.

                     ----------------------------------------------------------------------------------------
 
Horst Hoffmann kannte Manfred Borchard seit 40 Jahren und weiß viel mehr über Manfred als ich. Daher bin ich Horst dankbar, dass er sich an dieser Stelle sehr persönlich zu ihrer langjährigen Bekanntschaft äußert:

    HORST HOFFMANN: ich lernte manfred 1976 über den SFKR kennen (science fiction korrespondenz ring), ich glaube, über die kölner gruppe um alfred meyer und aktentaschen-schmitz. nach meinem beitritt zum SFKR, dem helmut ehls, chris worch und einige andere damals bekannte autoren angehörten, entwickelte sich eine sehr rege brieffreundschaft zwischen manni und mir. seine briefe waren einmalig, immer mit handschriftlicher überschrift, und einige seiten lang. es ging darin mehr über gott und die welt als um perry rhodan und so.
     
    manni war ein großer verehrer von nietzsche und kafka - und (in einem atemzug - bitte beachten!) hansrudi wäscher. insofern hättet ihr euch sicher viel zu sagen gehabt. wir grüßten uns immer mit sigurd und bodo, wobei ich nicht mehr weiß, wer gerade sigurd und wer gerade bodo war. als mensch war er eher zurückhaltend, beteiligte sich an gesprächen eher durch seine schmunzelnden, immer beobachtenden blicke. worte schrieb er lieber.
     
    ich habe ihn zweimal getroffen, einmal auf beschriebenem con 76 in köln, dann 2005 oder 06 auf einem der reuma-cons in düren bei rené und marlene moreau. (reuma für: re(ne)u(nd)ma(rlene). nach meiner scheidung und dem ganzen damit verbundenen stechen und hauen und durch meine beiden umzüge erstarb unser kontakt so langsam. auf jeden fall hatte die firma, für die er als schriftsetzer arbeitete, pleite gemacht, und er arbeitete dann als aufseher (oder wie man das nennt) in einem freiburger spielcasino. spaß machte ihm das nicht.
     
    der erste deutsche fantasy club druckte fünf sehr schön aufgemachte bücher mit seinen stories. ja, sein stil war wirklich unverwechselbar und spiegelte seine liebe zu franz kafka wieder. aber der letzte kontakt ist bestimmt drei oder vier jahre her. ich hatte keine ahnung, dass er diese scheiß-krankheit hatte bzw. bekam. helmut ehls war sein bester kumpel und schrieb mir letzte woche davon und wie furchtbar die krankheit gewesen sei. sowas kracht einfach in dein leben und du kannst es nicht begreifen, jeden von uns kann es jeden tag treffen, darf gar nicht daran denken.
     
    Manfred Borchard und Horst Hoffmann, Coloniacon 1976 in Köln
     

    Es bliebe noch hinzuzufügen, dass Manfred Borchard zeitlebens ein großer Bewunderer, ja Fan von Bob Dylan war. Dass Dylan soeben den Literaturnobelpreis verliehen bekam, hätte Manfred sicher gefallen.

    Nachtragen möchte ich noch, dass das Magazin EXODUS, in dem eine Reihe von Borchard-Stories erschienen sind, ein virtuelles Kondolenzbuch eingerichtet hat, in dem man sich eintragen kann. Zu finden ist es hier:
    https://www.exodusmagazin.de/news/395-manfred-borchard-verstorben.html
     

Keine Kommentare:

Kommentar posten