Sonntag, 28. September 2014

Nachrichten aus der Vergangenheit

Ich bin am ausmisten. Gezwungenermaßen, auch wenn ich keine Lust dazu habe. Manchmal geben Sachzwänge den Takt vor. Dabei fallen mir aus den hinteren Regalreihen Sachen in die Hand, von denen ich gar nicht mehr wußte, daß sie in meinem Besitz sind. Oder von denen ich keine Ahnung mehr hatte, wo sie sich vor mir verbergen.

So wie dieses kleine Buch, das sich ein wenig schamhaft zwischen dicken Wälzern mit politischem Inhalt versteckte. Die Weimarer Republik. Politischer Extremismus in der BRD. Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur. Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Wie ist es da bloß hingeraten? Von thematischer Anbindung keine Spur. DIARY steht auf dem Buchrücken, sonst nix. Das Ding ist gebunden, hat einen türkisfarbenen Leineneinband mit Stickereien japanischer Motive und rotbraune Applikationen aus Kunstleder. Das Papier ist vergilbt, die Blätter sind wellig geworden. Dank des dicken Umschlags hat es aber keine Eselsohren.

Von 1985, gleich nach meiner Bundeswehrzeit, bis in die Neunziger Jahre hinein lebte ich mit meiner damaligen Freundin zusammen. Wir führten dieses hübsche Büchlein als Gästebuch. Wir hatten häufig Besuch damals, oft übers Wochenende. Sehr viele Freunde und Bekannte aus der Science Fiction-Szene gaben sich bei uns ein Stelldichein. Besonders bei Veranstaltungen wie dem Coloniacon hatten wir immer Übernachtungsmöglichkeiten zu vergeben.

Ich habe das Buch eben durchgeblättert. Zahlreiche Grüße finden sich darin, eine Menge Danksagungen und noch mehr schlaue Sprüche. Selbst Gedichte. Und Weisheiten wie dieses von einem Bajuwaren: "Oa Oa und oa Oa sann zwoa Oa." Oder von Volker, dem Düsseldorfer, der in der Kölner Südstadt lebte und uns damals alle zum Kaiser-Spielen brachte: "Wer andern in die Möse beißt, ist böse meist." KNF hinterließ einen Wust von Fragen, zwischen denen er folgende versteckte: "Warum ist Achmed ein so schlechter Schriftsteller (hehehe)?" Stefan schrieb: "Vielen Dank für Speis und Trank, hoffentlich werd' ich von dem Scheiß nicht krank." Noch Fragen?

Es finden sich zudem reichlich Zeichnungen von Leuten, die mich mit ihren graphischen Fähigkeiten damals schon umgehauen haben. Wer sich ein wenig in der Szene auskennt, dem werden die Namen geläufig sein. Krischan, Atze und der Frans. Mein damaliger Kumpel Juraj aus Bratislava, den ich leider völlig aus den Augen verloren habe. Michael Marrak, als Schriftsteller und Graphiker gleichermaßen in der deutschen Phantastik-Szene bekannt. Sogar ein Comic wurde mir hinterlassen, von Rudi K. aus Wien.

Einige Einträge sind leider nicht gekennzeichnet, sodaß ich nicht weiß, von wem sie stammen. An den einen oder anderen Besucher kann ich mich nicht einmal mehr erinnern. Nun ja, die ersten Einträge sind immerhin rund dreißig Jahre alt. Aber bei den meisten Namen überkommen mich haufenweise Erinnerungen, erfreulicherweise nur schöne. Mit den meisten Leuten habe ich bis heute Kontakt. Das ist noch schöner.

Ünvus und Hans Tilpizza. Mein alter Freund Carsten, mit dem ich wer weiß was erlebt habe, und der andere Carsten aus Berlin, El Scheib gar ohne Bleib. Thommy, Otti und MM jr. Andrea, Uli und Sabine. Peter M. aus Graben, Peter H. aus Dortmund und Joachim S. aus Heidelberg. Die lieben Julchen und Juliane. Winy, Enpunkt und der Kassen-Axel. Oliver J. aus Sankt Augustin und Balzy, der aus dem a in seinem Namen stets ein Anarcho-A stilisierte. Der legendäre, unverwüstliche, einmalige HJM. Alles Liebe an dieser Stelle, Hansi. Nobby hat gleich eine ganze CN ins Gästebuch reingetextet, layoutet und illustriert. Der gute alte Matthes, mit dem mich bis heute BAP und die Fortuna verbinden, mindestens. Katja, die einen schnuckeligen Cartoon hinterlassen hat. Pezi anläßlich eines Coloniacons sogar einen in Farbe. Und Säm, der seit Jahren nicht mehr unter uns weilt.

Dieses kleine-feine-wunderbare Gästebuch wird selbstverständlich nicht ausgemistet. Im Gegenteil, da ich es nun wiedergefunden habe, erhält es einen seiner Bedeutung angemessenen Ehrenplatz.

Kommentare:

  1. Wir sehen uns leider nicht mehr sehr oft- aber wenn, dann ist es mit immer eine große Freude. So urgesteine unter sich, nach dem Motto: Weißt du noch ? In meiner Welt bist du so fest verankert wie die Menhire in der Bretagne. Irgendwo hab ich sogar noch einen Button vom HJM-Fanclub ;)))

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    1. Ich hoffe auch, wir sehen uns bald mal wieder, Hansi. BuCon vielleicht? Oder nächstes Jahr in Garching?

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  2. Wär wirklich schön, darin blättern zu können - andererseits, die Arbeit, das alles zu scannen möcht ich dir auch nicht zumuten. Ich vermerke mal, daß ich dich -wenn wieder in Köln - besuchen sollte. Und mit Juraj Maxon hab ich noch Kontakt, er ist nach wie vor ein sehr guter Freund.

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  3. Sehr schön! Ich habe übrigens meine ollen Conbücher alle noch (hoffe ich), aber schon lange nicht mehr reingeschaut. Sollte ich vielleicht mal tun.

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  4. Klasse, das Du solche Bücher noch hast- meine sind alle den zu vielen Umzügen zum Opfer gefallen. Dafür hab ich noch einen Stapel Zeichnungen von ca. 1985 bis 1992... das ist auch eine echte Zeitreise, die zu sichten. Erst kürzlich getan und gestaunt, welche Erinnerungen hochkommen ;-)

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