Samstag, 9. April 2016

George R.R. Martin: Armageddon Rock

Im Jahr 1971 sind die Nazgûl am Zenit ihrer Karriere angelangt, als deren charismatischem Sänger Patrick Henry Hobbins bei einem Open Air Konzert vor 60.000 Zuschauern auf offener Bühne von einem Scharfschützen der Schädel weggeblasen wird. In jener Nacht stirbt nicht nur der »Hobbit«, wie Hobbins genannt wird, sondern die gesamte Band, eine Legende. Der Mörder wird nie gefunden.

Die Romanhandlung von Armageddon Rock setzt zehn Jahre später ein, als es zu einer weiteren Bluttat kommt. Jamie Lynch, ehemaliger Promoter und Manager der Band, wird am Jahrestag von Hobbins' Tod in seinem Haus bestialisch ermordet. Lynch liegt auf einem alten Plakat der Nazgûl, und im Hintergrund läuft eine Platte der Band, »Music To Wake The Dead«, während jemand ihm das Herz aus dem Leib reißt. In dieser oder ähnlicher Form schon gehört, möchte man meinen, doch weit gefehlt, denn George R.R. Martins Roman stammt aus dem Jahr 1983 und hat nichts von seiner Faszination verloren. Zudem entwickelt sich, was anfängt wie ein Krimi oder ein Psycho-Thriller, schnell zu einem Parforceritt, der nicht nur in die amerikanische Geschichte der Sechziger und Siebziger Jahre eintaucht, sondern vor allem knietief in die Musik jener Ära. Ich habe die Neuausgabe des Berliner Golkonda-Verlags als willkommenen Anlass genommen, das Buch nach langer Zeit wieder einmal zu lesen und war, soviel vorweg, nicht weniger begeistert als vor Jahren beim ersten oder zweiten Lesen.

Im Verlauf der Handlung wird, ähnlich wie in Twin Peaks, die Suche nach dem Mörder zur Nebensache, und fast von Beginn an hatte ich das Gefühl, ein zwischen zwei Buchdeckel gepacktes Rockalbum zu hören, das mich mit jeder weiteren Seite mehr in seinen Bann schlug. In der bei FanPro erschienenen deutschen Erstausgabe aus dem Jahr 1986 lautete der Untertitel des Romans passenderweise »Ein Langspiel-Roman in Stereo«, und für Stephen King ist Armageddon Rock »der beste Roman über die Popmusik-Kultur der 60er Jahre« überhaupt.

FanPro-Ausgabe 1986
Der Schriftsteller Sandie Blair, einst Journalist des Untergrundmagazins Hedgehog und längst Buchautor, geht der Sache nach, um einen Artikel über Lynchs Tod zu schreiben. Die Suche nach den Hintergründen wird für ihn eine Kreuzfahrt durch mehrere Bundesstaaten, bei der er in die Vergangenheit eintaucht, alten Freunden aus seiner Studienzeit wiederbegegnet und sich mit seinen früheren Idealen konfrontiert sieht. Dabei gelingt es Martin, ohne belehrend zu wirken oder Partei zu ergreifen, in düsteren, atmosphärisch dichten Bildern und Visionen, die Blair heimsuchen, mit der gewalttätigen Reaktion auf die Gegenkultur der Nixon-Ära abzurechnen. Dies geschieht eindringlich und doch mehr oder weniger en passant, ohne dabei den Handlungsfluss der eigentlichen Geschichte zu unterbrechen. Was wie ein amerikanisches Thema erscheint – Nixon, Vietnam, Hippies und Straßenkämpfe – ist für einen deutschen Leser nebensächlich, weil es Martin eben gelingt, das Trauma, auch Sandy Blairs Trauma, in seine Grundgeschichte einzuweben, ohne diese dabei zu vernachlässigen. Blair muss sich die Frage stellen, was geblieben ist von den Idealen der Flower-Power-Bewegung, was sie bewirkt und erreicht hat und wie viel davon noch in ihm selbst steckt.

Bei seiner Selbstfindungstour und der Jagd nach den Hintergründen des offensichtlichen Ritualmordes an Lynch taucht Blair immer tiefer in die Musikszene und in das Umfeld der Nazgûl ein, die sich wiedervereint anschicken, einen zweiten Triumphzug zu starten. Hierbei kommt das phantastische Element zum tragen, das sich sparsam eingesetzt wie ein unterschwelliger Faden durch den Roman zieht, als schleichendes Mysterium unheimlicher wirkt als derbe Effekte und aus Armageddon Rock tatsächlich – auch! – einen Phantastik- und Horrorroman macht. Denn protegiert werden die Musiker auf ihrem Weg zu alter Herrlichkeit von dem undurchsichtigen Edan Morse, einer apokalyptisch angelegten Figur, die übernatürliche Kräfte heraufbeschwört, um die Nazgûl wieder an die Spitze zu bringen. Morse wirkt mit Akten blutiger Selbstverstümmelung darauf hin, Patrick Henry Hobbins auferstehen zu lassen und der vor einer Dekade gescheiterten Revolution der Gegenkultur mit Hilfe der Nazgûl doch noch zum Sieg zu verhelfen, indem er Armageddon heraufbeschwört, die letzte Schlacht zwischen Gut und Böse. Doch so, wie sie alle Gefangene der Umstände sind, Sandy Blair ebenso wie die Musiker, ist es auch der von seinen eigenen Dämonen getriebene Edan Morse. Er, der scheinbare Strippenzieher, durchschaut die düstere Wahrheit so wenig wie alle anderen. Unterdessen drängt sich Blair die Frage auf, wer hier eigentlich Gut und wer Böse ist, was Schwarz und was Weiß.

Als er die Wahrheit zu erkennen glaubt, scheint es nur einen Ausweg zu geben. Die Geschichte muss sich wiederholen. Der neue Hobbins darf den Armageddon Rag nicht bis zum Ende singen, wenn es nicht zur Apokalypse kommen soll. Ein Funken Zweifel jedoch bleibt und warnt Blair davor, dass alles vielleicht ganz anders ist, als es zu sein scheint.

In der Tat ist der Roman purer Rock'n'Roll, doch er ist vor allem eins, nämlich eine extrem spannende Geschichte mit finsteren Abgründen. Und zudem mit vielen Gefühlen: mit düsteren Gefühlen der Trauer, herzzerreißenden Gefühlen der Sorge um einen alten Freund, tröstenden Gefühlen der Hoffnung und der Liebe. Man beobachtet Sandy Blairs Rücktransformation von einem an sich selbst zweifelnden und in den Mechanismen des Marktes verankerten Buchautor zu dem Idealisten, der er einst war. Zugleich demonstriert George R.R. Martin die Kraft, die Macht und die Magie einer Musik, die etwas zu sagen hatte, einer Musik, die mit ihrem Herz und ihrer Seele in der Lage war, die Jugend zu berühren und in den Köpfen etwas auszulösen. Auch das ist – in meinen Augen jedenfalls – eine Aufgabe guter und ehrlicher Rockmusik, womit sie diametral dasteht zu dem ganzen Schmonzes, der einem heute aus dem Radio entgegendudelt, und zu den sich endlos selbst wiederholenden Sangesklonen in den Hitlisten.

Martin schreibt wortreich, sehr spannend und sehr dicht, so dicht, dass ich mich bei mehr als nur einer Szene direkt in die Handlung hineinversetzt fühlte und den Eindruck hatte, die Nazgûl vor mir zu stehen zu sehen und ihre Musik, die infernalische Musik, um die Toten zu wecken, im Ohr hörte. Martin nimmt den Leser gefangen, ohne ihn bei seiner wilden Fahrt quer durch die Vereinigten Staaten, bei seinem Road Movie, bei seinem Langspielplatte und Rockkonzert gewordenen Literaturklassiker wieder loszulassen, ehe der Leser die Auflösung der Geschichte und den einzigen Ausgang aus dem apokalyptischen Drama kennt.

In einer Zeit, in der jeder über »Das Lied von Eis und Feuer« redet und sich »Game of Thrones« anschaut, kann und will ich George R.R. Martins wirkliches Meisterwerk nur wärmstens empfehlen – und ein Meisterwerk ist der Armageddon Rock. Ich liebe dieses Buch, es gehört zu meinen All Time Favourites, und zweifellos habe ich es nicht zum letzten Mal gelesen.

Golkonda Verlag, Berlin, 2014
Klappenbroschur, ca. 400 Seiten
Euro 16,90
ISBN 978-3-944720-35-7

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